Rezension: Space Girls

13 Frauen durchlaufen 1961 das Astronauten-Training der NASA: die „Mercury 13“. Mit „Space Girls“ erinnert Maiken Nielsen an ihre Geschichte. Die Autorin schafft es von der ersten Seite an, mich mitzunehmen auf die Reise und lässt mich nach der Lektüre verzaubert zurück.

Maiken Nielsen: Space Girls

Deutschland im Zweiten Weltkrieg. Die junge Martha flieht mit Tochter Juni auf der Suche nach ihren Eltern nach Frankreich und dann weiter in die USA. Auch Wernher von Braun zieht es nach Übersee – allerdings erst nach der Kapitulation. Er sieht seine Chance, in den USA weiter Raketen zu bauen. Denn er will ins All.

New Orleans in den 1950er-Jahren. Die kleine Juni will fliegen. Über die Wolken und am liebsten auch gleich noch zum Mond. Tatsächlich kann sie Pilotin werden. Und dann scheint auch noch der Traum vom Weltall in greifbare Nähe zu kommen: Sie wird zum Astronauten-Training der NASA zugelassen. Mörderische Tests folgen. Doch gemeinsam mit 12 weiteren Frauen hält Juni durch und erzielt herausragende Ergebnisse. Trotzdem darf keine der Frauen ins All und wieder sind die Russen schneller im Wettkampf um die Vorherrschaft in der Raumfahrt. Juni verliert dennoch nicht die Hoffnung – bis sie erfährt, dass ihre Mutter sie all die Jahre belogen hat.

Maiken Nielsen erzählt in „Space Girls“ gleich mehrere Geschichten: Die fiktive Geschichte von Juni und ihrer Mutter Martha wird umwoben von wahren Begebenheiten um Wernher von Brauns Raketenentwicklung und der ersten Mondlandung. Nebenbei geht es aber auch um die Gräueltaten der Nationalsozialisten, die Ungleichheit in den USA zwischen Weißen und Afroamerikanern und zwischen Männern und Frauen, die sich langsam ihren Platz in der Gesellschaft erkämpfen. Und eine Liebesgeschichte darf natürlich auch nicht fehlen.

Dabei wirkt der Roman aber keineswegs überladen. Maiken Nielsen versteht es, den Leser ab der ersten Seite zu fesseln und mit ihren Wörtern zu verzaubern. Und so liest man „Space Girls“ nicht einfach, sondern man hüpft und fliegt mit Juni durch die Seiten.

Ganz nebenbei erfährt man viel Interessantes über Mercury 13 im Speziellen und das Astronauten-Programm der USA im Allgemeinen. Wie in „Und unter uns die Welt“ hat man als Leser das Gefühl, dabei zu sein – und bekommt nicht nur Lust auf Onkel Henris „Drachenpulver“, einen Flug über die Anden oder einen Spaziergang durch New Orleans, sondern auch darauf, sich näher mit dem Thema der frühen Raumfahrt zu beschäftigen (siehe unten).

Einzig auf den letzten Seiten ging es mir dann doch etwas zu schnell mit der Geschichte.

Alles in allem ein sehr empfehlenswerter Roman. Was anderes hätte ich von der Autorin auch nicht erwartet ;-). Wie gut, dass gerade in diesen Tagen mit „Ein neuer Horizont“ das nächste spannende Buch von ihr erschienen ist.

Maiken Nielsen: Space Girls.
432 Seiten. Wunderlich/Rowohlt 2019/2020.
Taschenbuch: Rowohlt 2020. 12,00 EUR. ISBN: 978-3-499-29167-8.
E-Book: Rowohlt 2019. 9,99 EUR. ISBN: 978-3-644-30030-9.
Hardcover: Wunderlich 2019. 22,00 EUR. ISBN: 978-3-8052-0331-9.

https://www.maiken-nielsen.info/

Weitere Informationen über das Mercury-13-Programm

Jerrie Cobb [Foto: NASA]

Das Mercury-13-Programm gab es wirklich. Es war ein privat finanziertes Projekt und nicht Teil der Astronautenrekrutierung der NASA: In der Klinik von William Randolph Lovelace nahmen Anfang der 1960er Jahre auch Frauen erfolgreich an den medizinischen Tests teil, die für die ersten männlichen Astronauten des Mercury-Programms konzipiert waren.

Geraldyn „Jerrie“ Cobb bestand als erste Amerikanerin alle drei Testphasen. Nachdem die Ergebnisse auf einer Konferenz in Stockholm veröffentlicht worden waren, machten sich Cobb und Lovelace daran, weitere Frauen für das Projekt zu gewinnen, darunter auch Jacqueline Cochran, die die weiteren Kosten für das Projekt trug.

Von den etwas mehr als 20 getesteten Frauen bestanden 12 weitere die Tests: Myrtle Cagle, Janet und Marion Dietrich, Wally Funk, Sarah Lee Gorelick, Jane Briggs Hart, Jean Hixson, Rhea Hurrle, Irene Leverton, Geraldine Sloan, Bernice Trimble Steadman und Gene Nora Stumbough.

Da die Tests für die Frauen zwischen die offiziell eingeplanten Tests in der Klinik von Lovelace eingeschoben werden mussten, waren die meisten Frauen zu unterschiedlichen Zeiten allein dort und lernten sich nicht kennen. Jerrie Cobb hielt mit allen Frauen brieflich Kontakt.

Trotz der Lobbyarbeit für Astronautinnen einiger Beteiligter des Projekts konnte die NASA zu der Zeit noch nicht davon überzeugt werden, Frauen für ihr Astronautenprogramm zu berücksichtigen. Vor allem konnten die Frauen nicht alle für Astronauten nötigen Anforderungen erfüllen: Da sie nicht in die Armee durften, war ihnen der Zugang zu Düsenjets verwehrt, auf denen sie jedoch Flugerfahrung hätten vorweisen müssen. Einzig Cochran flog privat Jets, sie war aber mit ihren 55 Jahren nicht mehr zum Programm zugelassen worden. Auf einer Anhörung sprach sich – sehr zu Cobbs und Harts Verwunderung – gegen Frauen in der Raumfahrt aus.

Auf Netflix gibt es eine interessante Doku zum Thema.

Die damals jüngste der 13 Pilotinnen, Wally Funk, durfte immerhin am 20. Juli 2021 als „Weltraumtouristin“ mit der „New Shepard“ ins Weltall – mit 82 Jahren.

Ebenfalls mit der Rolle von Frauen beschäftigt sich der Film „Hidden Figures“. Er handelt von den drei afroamerikanischen Mathematikerinnen Katherine Johnson, Dorothy Vaughan und Mary Jackson. Sie waren am Mercury- und Apollo-Programm beteiligt.

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