Rezension: Und unter uns die Welt

Ein deutscher Matrose, der vom Fliegen träumt. Eine Amerikanerin, die Journalistin werden möchte. Die Zeit des Aufbruchs und der großen Zeppeline auf der einen und des aufsteigenden Nationalsozialismus auf der anderen Seite. Maiken Nielsen führt ihre Leser anhand der Lebensgeschichte ihres Großvaters und einer bezaubernden Liebesgeschichte in die 1930er Jahre.

Maiken Nielsen: Und unter uns die Welt

Schon als kleiner Junge will der Sylter Christian Nielsen fliegen lernen. Aber die Nielsens sind arme Inselbewohner und der Traum vom Fliegen scheint unerreichbar. 1929 – im Jahr des großen Börsencrashes – kann der junge Matrose immerhin auf der Yacht eines amerikanischen Millionärs anheuern und mit ihm auf Weltreise gehen.

Die auf Hawaii aufgewachsene Lil Kimming will Karriere als Journalistin machen und klappert die Redaktionen der großen New Yorker Zeitungen ab. Doch eine Frau will Ende der 1920er kaum ein Redaktionshaus einstellen.

Zufällig begegnen sich Christian und Lil. Sie haben keine Zeit, sich miteinander bekannt zu machen, aber sie können sich auch nicht vergessen. Monate vergehen, ehe sie sich ein weiteres Mal treffen und endgültig ineinander verlieben. Doch die Umstände ihrer Zeit arbeiten gegen die beiden.

Dann scheinen Christians Träume in Erfüllung zu gehen: Er wird erst Flieger, dann Luftschiffer und findet Jahre später einen Weg, seine Seelenverwandte wiederzutreffen. Im Mai 1937 macht er sich schließlich auf dem Luftschiff LZ 129 Hindenburg nach Lakehurst bei New York auf, um seine Lil wiederzusehen. Doch dann geht der Zeppelin in Flammen auf und nicht nur dieses Unglück verändert alles.

Maiken Nielsen ist mit „Und unter uns die Welt“ ein bezaubernder Roman gelungen. Anhand der Geschichte ihres Großvaters Christian Nielsen führt sie ihre Leser in die 1920er und 1930er Jahre, in denen zunächst noch alles möglich und die weite Welt auf einmal erreichbar scheint: Luftschiffe verkehren zwischen den Kontinenten und mit seiner Weltumrundung versucht Hugo Eckener, auch politisch zu vermitteln. Doch der Nationalsozialismus gewinnt an Stärke und entzweit die Welt ein weiteres Mal.

Die Figur des Christian Nielsen hat ebenso wie die Akteure und Geschehnisse rund um die Zeppelin-Ära einen realen Hintergrund. Eingebettet hat die Autorin ihre Erzählung in eine fiktive Liebesgeschichte.

„Ich wollte mit diesem Buch eine Zeit sichtbar machen, die einmalig in der Weltgeschichte ist: die Zeit zwischen den Weltkriegen. Die Zeppelin-Ära. Ich wollte über Menschen und Ereignisse schreiben, die es wirklich gegeben hat. Es sollte so authentisch wie möglich sein und dennoch ein Roman.“ 

Maiken Nielsen

Die Geschichte hat mich sofort gepackt und ich wollte gar nicht mehr auftauchen. Maiken Nielsens Beschreibungen der Weltumrundungen – sei es mit der Yacht Orion oder dem Luftschiff LZ 127 Graf Zeppelin – haben mich gefesselt. Der Schreibstil ist lebendig, oft mit einem zwinkernden Auge und man fühlt sich mitgenommen auf die Reise in vergangene Zeiten und über die Kontinente. Ich kann andere Rezensenten durchaus bestätigen, die schreiben, sie hätten beim Lesen das Salz des Atlantiks riechen können.

Etwas kitschig fand ich die Szene, als Christian und Lil sich (mithilfe einer Wahrsagerin) auf Hawaii begegnen. Doch insgesamt gesehen ist die Liebesgeschichte um die beiden sehr herzlich und packend geschrieben.

Für die letzten Seiten des Romans würde ich eine Triggerwarnung aussprechen: Wie die anderen Geschehnisse beschreibt Maiken Nielsen auch das Unglück der Hindenburg sehr realistisch. Die Bilder bekommt man anschließend möglicherweise nur schwer aus dem Kopf. Und ein Happy End hat der Zweite Weltkrieg für Lil und Christian leider auch nicht parat.

Mein Fazit:
Alles in allem ist der Autorin hier ein sehr lesenswerter, gut recherchierter und packender Roman gelungen. Ich habe nicht nur einiges gelernt, sondern bleibe auch mit dem Gefühl zurück, selbst mit einem Zeppelin um die Welt gefahren zu sein.

Maiken Nielsen: Und unter uns die Welt.
Roman. 448 Seiten. Rowohlt Taschenbuch. 2017.
Taschenbuch: 9,99 Euro. ISBN 978-3-499-27300-1.
E-Book: 9,99 Euro. ISBN: 978-3-644-20005-0.

https://www.maiken-nielsen.info/homepage/

Und wer sich mehr für Zeppeline interessiert, wird um den Besuch des Zeppelin-Museums in Friedrichshafen kaum drumherum kommen. 😉

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