Rezension: Uns gehört der Himmel – Die Flight Girls

Die passionierte Pilotin Audrey Coltrane schließt sich 1943 den „Women Airforce Service Pilots“ (WASP) an. Sie will vor allem eines: fliegen. Für Liebe hat sie keinen Platz – denkt sie. Die Ausbildung und die Einsätze sind hart und gefährlich. Doch da ist ihr Freund James, der in Europa kämpft und der sich in ihr Herz geschlichen hat. „Uns gehört der Himmel“ ist eine mitreißende Geschichte über die Pilotinnen der WASP und über den Zweiten Weltkrieg aus der Sicht einer amerikanischen Frau.

Noelle Salazar: Uns gehört der Himmel. Die Flight Girls

Die aus gutem Hause stammende Audrey Coltrane fliegt mit leidenschaftlicher Hingabe, seit sie groß genug ist, um in ein Flugzeug zu krabbeln. Sie weiß, was sie will (einen Flugplatz kaufen und leiten) und was sie nicht will (eine Ehefrau mit Kindern werden wie andere Frauen ihrer Generation). Um das nötige Kleingeld für „ihren“ Flugplatz zu beschaffen, arbeitet sie Anfang der 1940er auf einem Stützpunkt auf Hawaii als Fluglehrerin. Nicht einmal der charismatische Lieutenant James Hart kann sie ablenken – er ist ein echter Freund, aber nicht mehr – und Audrey ist glücklich. Bis der Angriff auf Pearl Harbor alles verändert. Der Krieg, der bislang so weit weg war, erreicht Amerika.

Während James zum Kämpfen nach Europa geht, schließt Audrey sich wie viele andere Pilotinnen den „Women Airforce Service Pilots“ (WASP) an, um Flugzeuge zu überführen. Sie will ihren Beitrag für diesen Krieg leisten und sie will fliegen. In der eingeschworenen Gemeinschaft der Fliegerinnen findet sie tiefe Freundschaften und eine neue Bestimmung, aber auch Leid – denn mehr als eine liebgewonnene Freundin verliert ihr Leben. Als James und sie sich endlich ihre Gefühle eingestehen, kehrt er von einem Einsatz nicht zurück. Audrey bricht auf, ihn zu suchen, doch in den französischen Militärkrankenhäusern ist er nicht.

Dies ist der zweite Roman über Pilotinnen während des Zweiten Weltkriegs, den ich innerhalb kurzer Zeit gelesen habe. Er unterscheidet sich komplett von „Die Pilotin“ und zu Beginn war ich mir nicht sicher, ob ich in den mitunter nüchternen Erzählstil hineinkommen würde. Ich konnte Audrey Coltrane nicht „fassen“, sie war eine leere, aalglatte Hülle – im Gegensatz zu den anderen Figuren, die ich mir gut vorstellen konnte. Auch fühlte ich nicht die Leidenschaft für die Fliegerei, die die Hauptfigur haben sollte – die Autorin Noelle Salazar beschrieb sie zwar, aber dabei blieb es zunächst. Vielleicht lag es daran, dass Salazar selbst nicht fliegt und sogar eher ein wenig Angst davor hat. Doch je mehr Einblicke die Hauptfigur Audrey in ihre Gefühlswelt zuließ – ihre Konflikte mit der Liebe und die Traurigkeit, die der Krieg und der Verlust naher Freunde mit sich brachte, die Anstrengungen des Pilotendaseins während der Einsätze – desto mehr fesselte und berührte mich die Geschichte. Und so konnte ich das Buch nicht mehr weglegen, ehe ich es fertig gelesen hatte.

Noelle Salazar ist es gelungen, einen ungeahnten Einblick in das Innere der Women Airforce Service Pilots zu gewähren, auch wenn sie selbst schreibt, dass manche Fakten dichterischer Freiheit weichen mussten. Die harte Schule, der alle Frauen unterzogen wurden, die Missgunst mancher Soldaten – „die nehmen uns die Jobs weg“ –, Leid, aber auch die Passion der Frauen, all das beschreibt sie sehr eindrücklich. Die Frauen wollten fliegen und sie mussten fliegen: alles, was sie vor die Nase gesetzt bekamen. Sie bekamen eine militärische Ausbildung, flogen risikoreiche Strecken, doch die finanzielle Absicherung des Militärs für Soldaten blieb ihnen verwehrt.

Mein Fazit: Für meinen Geschmack hat die Geschichte ein wenig zu viel Patriotismus, aber das gehört zu einem solchen Thema wahrscheinlich dazu. Alles in allem ist „Uns gehört der Himmel“ ein empfehlenswerter Roman zu einer wichtigen Ära der Luftfahrt, der seine Leser*innen tief berühren kann.

Noelle Salazar. Uns gehört der Himmel. Die Flight Girls.
Roman. 496 Seiten. Goldmann. Erschienen am 15. März 2021.
Taschenbuch: 11,00 Euro. ISBN: 978-3-442-49146-9.
E-Book: 9,99 Euro. ISBN: 978-3-641-25705-7.
Hörbuch: 22,95 Euro. ISBN: 978-3-8445-4019-2.

Originaltitel: The Flight Girls. Aus dem Englischen von Ursula Wulfekamp.

Hintergrundinformation zu den Women Airforce Service Pilots (WASP)

Die WASP war eine Gruppe ziviler Pilotinnen, die während des Zweiten Weltkrieges eingesetzt wurden, um unter Leitung der United States Army Air Forces im Inland und transatlantisch Militärflugzeuge zu überführen.

1942 wurde das „Women’s Auxiliary Ferrying Squadron“ von den Lufttransportkommandos der Air Force gegründet, um Flugzeuge nach Großbritannien zu überführen – ohne männliche Kampfpiloten einzusetzen, die für Kampfeinsätze benötigt wurden. Die Idee zu dieser Einheit kam von Jacqueline Cochran, wurde jedoch zunächst abgelehnt. Ein Vorstoß vom kommandierenden Offizier der im Aufbau begriffenen US-Lufttransporteinheiten „Ferrying Division“, William Henry Tunner, ermöglichte schließlich den Aufbau und Einsatz der weiblichen Pilotengruppe. Sie waren deutlich schlechter bezahlt als ihre männlichen Kollegen und waren zunächst auf Inlandseinsätze begrenzt. 1943 wurde die Leitung an Jacqueline Cochran übergeben und das Überführungsgeschwader in „WASP“ umbenannt.

Von 1942 bis Ende 1944 wurden 1830 Frauen zur WASP-Ausbildung zugelassen, 1074 bestanden sie. Die Pilotinnen der WASP überführten insgesamt 12.650 Flugzeuge von Bombern bis zu Jagdfliegern. Unter Cochrans Leitung kamen „lediglich“ 38 Pilotinnen ums Leben, darunter 27 im Einsatz und 11 beim Training. Kaum jemand wusste von dem Programm, die Akten waren unter Verschluss. Erst in den 1970ern meldeten sich ehemalige Pilotinnen der WASP zu Wort, als die ersten Frauen in die Air Force eintreten durften. Und es sollte bis in dieses Jahrtausend dauern, ehe die Mitglieder der WASP mit der Congressional Gold Medal für ihren Dienst geehrt wurden.

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