Ich schenke euch eine Geschichte: Das Blaue vom Himmel

Heute – am 23. April – ist „Welttag des Buches“. Dazu schenke ich euch eine Geschichte: „Das Blaue vom Himmel“.

Das Blaue vom Himmel

Eines Tages war es plötzlich weg, das Blaue vom Himmel. Es begann im Juli, kurz vor meinem letzten Schultag.

Gerade war eine aufregende Zeit für mich, denn ich wusste noch nicht so recht, was ich nach Beendigung meiner Schulzeit machen sollte. Meine Mutter meinte, ich solle Lehrerin werden. Mein Vater hingegen wünschte sich, dass seine Tochter eine bekannte Ärztin werde. Mir lag nichts daran. Ich wollte vor allem eine aufregende Aufgabe und stellte mir vor, wilde Expeditionen nach Afrika oder in den Dschungel Südamerikas zu begleiten. Bislang hatte ich mich nur mit Büchern in ferne Länder träumen können – so auch mit der Biographie, in der ich die halbe Nacht gelesen hatte. Sie handelte von einer der ersten Frauen, die Pilotin wurde und anschließend allein nach Afrika und darüber hinaus geflogen war. Kurz bevor mir die Augen zufielen, wusste ich, was ich werden wollte.

Am nächsten Tag erzählte ich meinen Eltern aufgeregt von meinen Plänen.
»Pilotin?«, fragte mein Vater stirnrunzelnd. »So ein Unsinn.«
»Das ist viel zu gefährlich!«, warf meine Mutter ein. Alles, was Spaß machte, war gefährlich, wenn ich ihr Glauben schenkte. Expeditionen in ferne Länder ganz besonders … Und nun auch noch Fliegen?
»Gar nicht. Ich würde so gerne fliegen lernen! So wie Elly Beinhorn und Amelia Earhart und …«
»Schlag dir das aus dem Kopf!«, unterbrach mich mein Vater.
»Aber warum? Stell dir vor, wie es wäre, um die Welt fliegen zu können und …«
Weiter kam ich nicht, denn mein Vater unterbrach mich erneut. »Kind, wenn es kleinen Mädchen wie dir bestimmt wäre, Fliegen zu lernen und als Pilotin in der Weltgeschichte herumzudüsen, dann wäre der Himmel rosa und nicht blau.«

Er hielt sich den Bauch vor Lachen über seinen Scherz und nickte in Richtung Fenster, durch das man den strahlendblauen Himmel sehen konnte. Dann sah er mich auffordernd an. Na prima, dachte ich. Erstens war ich kein kleines Mädchen mehr und zweitens war das eine sehr dumme Aussage. Vorlaut erwiderte ich: »Also, wenn der Himmel rosa wird, darf ich?«
Als ich die Küche verließ, lachte mein Vater immer noch. »Aber natürlich, Kind, aber natürlich!«, rief er mir hinterher.

Aufgebracht lief ich in den Garten. Hinter den alten Apfelbäumen legte ich mich ins Gras und starrte in den Himmel. Warum war er blau? Und warum musste er rosa sein, damit ich Pilotin werden durfte? Die Mauersegler sausten über mich hinweg. Bald kreiste ein Bussardpärchen über der Wiese. Sie durften fliegen und es sah so unglaublich majestätisch aus …
»Himmel, was hast du gegen rosa?«, schimpfte ich. Gut, ich selbst trug die rosafarbenen Kleider, die meine Großmutter mir immerzu nähte, auch nur widerwillig. Lieber mochte ich Hosen und da ich – zum Leidwesen meiner Mutter – gerne im Wald herumtollte, war ein dunkler Ton in der Regel am praktischsten.
Während ich weiter darüber nachdachte, wie ungerecht das Leben war, kniff ich die Augen zusammen, atmete tief ein und stellte mir vor, wie ich das Blau des Himmels einfach in mich einsog. Vielleicht konnte ich all meine rosafarbenen Erinnerungen und Gedanken gegen blaue tauschen. Mit jedem Atemzug sog ich mehr blau ein und beruhigte mich langsam dabei. Als ich die Augen wieder öffnete, dämmerte es bereits. Der Himmel schien auch gar nicht mehr blau zu sein, sondern war in orangefarbenes Licht getaucht. Orange half mir zwar nicht, aber es war ein Anfang.

An diesem Abend fand ich nur schwer in den Schlaf, obwohl ich todmüde war. Am nächsten Morgen wurde ich nur langsam wach. Mir war schwindlig und ich fühlte mich, als hätte ich einen ganzen Berg bestiegen. Schlaftrunken öffnete ich die Augen, war jedoch im Nu hellwach, sprang aus dem Bett und lief zum Fenster. Der Himmel war rosa, übersät mit weißen Wölkchen. Und selbst, nachdem ich mir die Augen mehrfach gerieben hatte, blieb er rosa. Das konnte doch nicht sein.

Verwirrt stolperte ich in die Küche und meinem Vater fast in die Arme. »Hoppsa, was ist denn mit dir los?«, rief er verwundert.
»Der Himmel …«, stammelte ich, »… rosa!«
»Rede keinen Unsinn«, ermahnte mich mein Vater, schob sich jedoch an mir vorbei, um aus dem Fenster zu sehen. »Erstaunlich«, brummte er.
»Dann darf jetzt ich Pilotin werden?«, fragte ich hoffnungsvoll.
Mein Vater schüttelte den Kopf. »Das ist normales Morgenrosa, das wird gleich wieder blau.«
Enttäuscht setzte ich mich auf meinen Platz. »Aber du sagtest doch …«
»Kind, ich meinte einen richtigen rosafarbenen Himmel, nicht irgendeine Morgenröte!«
Ich schluckte und kämpfte gegen Tränen an. Wie hatte ich nur hoffen können, dass mein Traum so einfach wahr würde? »Und wenn er rosa bleibt?«, fragte ich.
»Na, dann halte ich natürlich mein Wort«, grummelte mein Vater und zwinkerte meiner Mutter zu. Er war sich ganz sicher, dass der Himmel gleich wieder seine übliche Farbe annehmen würde.

Der Himmel blieb rosa. Meine Eltern wunderten sich sehr darüber. Besonders wunderte sich meine Mutter, als ich am Sonntag mein rosafarbenes Kleid anziehen sollte. Es war nämlich gar nicht mehr rosa, sondern hatte einen hellen Blauton angenommen.

Am nächsten Tag wurde der Himmel auch nicht blau und ebenso wenig am übernächsten.
»Erstaunlich«, sagte mein Vater.

Nach zwei Wochen unter rosafarbenem Himmel durfte ich meinen Vater zum nahegelegenen Flugplatz begleiten. Weitere zwei Wochen später begann ich tatsächlich mit der Pilotenausbildung. Es war hart, aber ich hatte ja den Himmel auf meiner Seite.

Noch vor dem nächsten Frühjahr hatte ich nicht nur meine Pilotenlizenz in der Tasche, sondern auch einen Jahresvertrag als Buschpilotin bei den “Flying Doctors” in Australien.

Zum Abschied schenkten mir meine Eltern einen himmelblauen Seidenschal.
Doch als ich ihn umlegte, schimmerte er leicht rosa. Und als ich mit meinem Koffer in der Hand aus dem Haus trat, strahlte mir der Himmel so blau wie nie zuvor entgegen.

In den Nachrichten wurde lange über dieses Jahr gesprochen. Mal munkelte man, es müsste ein Wetterphänomen gewesen sein, mal sprach man von einem Vulkanausbruch. Doch den wahren Grund fand man nie.

[Danke an Susanne Henkel und Sylvia Christ für Lektorat/Korrektorat]

4 Kommentare zu „Ich schenke euch eine Geschichte: Das Blaue vom Himmel

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