Warum eine Mutter niemals einen Flugschein machen würde

Ich gebe zu: Diese eine Aussage auf der Aero hat mich noch nicht losgelassen: „Eine Mutter würde niemals einen Flugschein machen.“ Warum er dieser Meinung ist, hat mir der Herr nicht gesagt. Weil es unverantwortlich ist, eine Sportart zu machen, bei der man möglicherweise abstürzen könnte? Weil es fast unmöglich scheint, sich die Zeit freizuschaufeln? Oder bloß, weil frau so etwas einfach nicht machen würde? Ah, ich weiß warum: „Weil.“ *

* „Weil, Mama!“ Die ultimative Antwort meines Sohnes auf nervige „Warum-hast-du-noch-nicht-Fragen“ seiner Mutter.

Unverantwortlichkeit: Ist Fliegen zu gefährlich?

Es stimmt schon: Fliegen ist nicht ungefährlich. Man kann dabei sterben. Genauso wie beim Klettern. Und Privatfliegerei ist etwas anderes als Verkehrsfliegerei.

Was die reine Verletzungsgefahr betrifft, ist Fußballspielen meiner Erfahrung nach risikoreicher als Fliegen oder Klettern. Aber was das Sterberisiko angeht, sieht es anders aus. In meinem Bekanntenkreis sind schon ein paar Menschen bei einem Flug- oder Kletterunfall ums Leben gekommen. Beim Fußballspielen keiner.

Aber wie gefährlich ist (Sport-)Fliegen denn eigentlich?

Flugunfälle werden bei der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung BFU verzeichnet, untersucht und ausgewertet. Für nahezu jeden Zwischenfall mit einem Flugzeug findet man dort einen Bericht. Das hilft, Fehler zu vermeiden, die andere gemacht haben.

luftfahrtregel-6Gesehen im Fliegerstüble Quax am UL-Landeplatz Dolmar-Kühndorf

Pro Jahr werden ca. 200 Unfälle gemeldet – mal etwas mehr, mal etwas weniger. Die meisten gehen glimpflich aus, aber natürlich enden auch nicht wenige tödlich: Im Jahr 2013 zum Beispiel waren 29 von 193 Unfälle für mindestens einen der Insassen tödlich verlaufen (10 davon mit „sonstigen Luftfahrzeugen“, zu denen die ULs zählen).

Was sagt mir das über die Gefährlichkeit des Fliegens? Erstmal nicht viel. Man kann jetzt die Anzahl der Unfälle auf die Anzahl der zugelassenen Flugzeuge oder die Anzahl der Lizenzen beziehen und das gleiche mit Unfällen im Straßenverkehr machen. Genaue Zahlen gibt es da nicht, nur Schätzungen. Nimmt man jedenfalls die verfügbaren Angaben von Luftfahrtbundesamt, Kraftverkehrsamt und polizeilich erfassten Unfällen, dann wäre Privatfliegerei grob abgeschätzt und bezogen auf tödlich Verunglückte pro Lizenz oder pro Pkw/Flugzeug zwischen 10- und 30-mal gefährlicher als Autofahren.

Dieser Vergleich ist aber eigentlich immer noch wenig aussagekräftig – wegen der unterschiedlichen Art der Datenerhebung, der Unsicherheit der Kennzahlen und so weiter. Viel interessanter als Unfälle pro existierende Fahr-/Flugzeuge oder Lizenzinhaber ist, wie viele Lizenzinhaber und Fahrzeuge tatsächlich aktiv unterwegs sind. Wie viele Kilometer oder Stunden sie sich bewegen. Aber diese Zahlen sind erst recht schwer zu bekommen.

Für das Gleitschirmfliegen hat sich übrigens jemand mal die Arbeit gemacht, das abzuschätzen:

„Beim Autofahren muss man […] 15 Millionen mal das Auto bewegen (35 Milliarden / 2400 Autotote), bevor man statistisch gesehen die Löffel abgibt. Im Gegensatz hierzu bist du beim Gleitschirmfliegen schon nach ungefähr dem 100.000 Flug dran. Man kann also sagen, dass Gleitschirmfliegen ca. 150 mal gefährlicher ist als Autofahren […].“ Sebastian Bender, 2010

In dem Beitrag geht es auch um die persönliche Risikoeinschätzung. Die lesenswerte Analyse findet man unter folgendem Link: https://de.scribd.com/document/25967727/Manuskript-Flugsicherheit-beim-Gleitschirmfliegen.

Und was sagt mir das nun?

Einige Sportarten sind sicher gefährlicher als die Privatfliegerei. Andere sind weniger gefährlich. Doch unterm Strich ist und bleibt Fliegen nicht frei von Risiko. Der Satz „Das gefährlichste am Fliegen ist die Fahrt zum Flugplatz“ ist nicht haltbar.

Aber man kann das Risiko minimieren: regelmäßig fliegen – auch mit Fluglehrer, Flugzeug ordentlich checken, nicht ohne Sprit fliegen, keine komischen Grenzzustände ohne erfahrenen Fluglehrer ausfliegen, aufmerksam sein. Mal ein Sicherheitstraining machen. Und auf meinen Fluglehrer hören, der während der Ausbildung in den Theoriestunden zu „Verhalten in besonderen Fällen/menschliches Leistungsvermögen“ sagte:

„Bevor die fliegst, prüfst du: Stimmt das Wetter? Fühlst du dich fit? Hast du überhaupt Lust, zu fliegen? Wenn du eine dieser drei Fragen mit Nein beantworten musst, bleibst du unten.“

Klingt vernünftig.

Meine Meinung: Mit Verantwortungsbewusstsein und guter Selbsteinschätzung ist Fliegen (auch) für Mütter keine verantwortungslose Sportart. Das gleiche gilt natürlich für Väter.

Was den Straßenverkehr betrifft, sagt das Statistische Bundesamt übrigens, dass Frauen seltener schlimme Verkehrsunfälle haben als Männer. Aber das nur am Rande.

Zeitmanagement: Die nötige Zeit kann Mutter sich nicht einfach freischaufeln

Die Gefährlichkeit ist eine Sache, aber kommt Mutter überhaupt zum Fliegen – rein zeit-technisch? Die Antwort ist ganz klar: Jein.

Wie war das damals bei mir? Ich habe Teilzeit gearbeitet, bis kurz vor drei. Mein „Großer“ war seit Kurzem in der Schule und bis 14:30 Uhr in der Betreuung. Er lief damals schon allein nach Hause und setzte sich (meistens) selbstständig an seine „Hausis“. Mein „Kleiner“ musste Punkt drei Uhr aus dem Kindergarten abgeholt werden. Keine Minute später.

Es ist schwierig, für eine ganze Familie einen Ausflug zu planen, aber für eine einzelne Person sollte das ja ein Klacks sein, oder? Nicht ganz. Wenn ich unter der Woche eine Flugstunde ausmachen wollte, musste Folgendes organisiert werden:

  • Ich musste fit sein.
  • Das Wetter musste stimmen.
  • Ein Fluglehrer musste Zeit haben. (Die berufstätigen Fluglehrer hatten nicht einfach unter der Woche Zeit, andere hatten freie Tage, an denen sie nicht schulten.)
  • Ein Flugzeug musste frei sein.
  • Meine Chefin musste mir frei geben, wenn die Flugstunde in den Vormittag fallen würde.
  • Die Kinder mussten bei Freunden untergebracht werden, wenn die Flugstunde in den Nachmittag fallen würde. Nicht immer ergab es sich, dass beide zu einem Freund konnten, dann musste ich für den Nachmittag zwei verschiedene Unterbringungsmöglichkeiten organisieren.

Zum Flugplatz brauchte man von uns aus ohne Feierabendverkehr fast 40 Minuten einfache Strecke. Die Fahrzeit musste also zusätzlich einkalkuliert werden.

Am Wochenende war das mit meiner Zeiteinteilung einfacher, weil mein Mann dann die Kinder betreuen konnte. Aber wenn das Wetter gut war, waren Fluglehrer und Flugzeuge natürlich vor allem am Wochenende schnell ausgebucht.

Es kam oft vor, dass ich etwas abgekämpft am Flugplatz ankam und eine Weile brauchte, bis ich mich entspannt hatte. Weil meine Jungs genau in dem Moment zu streiten angefangen hatten, als ich los wollte. Weil im letzten Moment irgendwas dazwischen gekommen war.

Nicht selten passierte es, dass ich mir mühsam einen Tag freigeschaufelt hatte, die Kinder bei zwei unterschiedlichen Freunden untergebracht waren, das Wetter mir aber einen Strich durch die Rechnung machte. Oder eine Freundin rief an, weil ihr Sohn krank war und die Betreuungsmöglichkeit wegfiel.

Dann war das Wetter gut, die Kinderbetreuung gesichert, aber „mein“ Flieger kaputt und alle anderen Flugzeuge bereits ausgebucht. Als der Flieger wieder einsatzbereit war, wurde ich krank. Dann kam der Winter, das Wetter war bescheiden. Irgendwas war immer.

Kinder am Flugplatz

Einmal nahm ich meine beiden Rabauken einfach mit zum Flugplatz und ließ sie im Auto Hörspiele hören. Während ich meine Platzrunden drehte, warfen die Leute von der Flugschule ein Auge auf sie. Um sie allein in den Wald zu schicken oder mit dem Tablet allein zu lassen, waren sie damals noch zu klein.

Rollenverteilung: Frau macht das nicht

Dazu muss ich eigentlich nichts sagen. Die Zeiten, in denen die Frau „nur“ für Haushalt, Kochen und Kinder zuständig war, zufrieden mit Kaffeekränzchen und Co. und ansonsten dem Ehemann den Rücken freihalten sollte, sind hier zum Glück vorbei.

Ich habe nicht nur zwei aufgeweckte und sehr selbstständige Kinder, sondern auch einen Partner, der mich unterstützt.

Irgendwie hat’s trotz allem geklappt

Auch wenn es manchmal schwer war mit der Organisation: Nach einem halben Jahr und 30 Flugstunden hatte ich meine Sportpilotenlizenz in der Tasche.

Ich korrigiere also die Anfangsfrage: Warum kann eine Mutter durchaus einen Flugschein machen?

Na, weil!

Kinder inspizieren ULF-2
Cool – Opas Flugzeug muss erst einmal inspiziert werden
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2 Kommentare zu „Warum eine Mutter niemals einen Flugschein machen würde

    1. Es gibt natürlich viele andere Gründe oder Umstände, die es einem erschweren, sich solch einen Traum zu verwirklichen. Geld zum Beispiel. Das ist ja gerade bei jungen Familien nicht gerade in hohen Mengen vorhanden.

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