Luftfahrt macht Frauen stark – Interview mit Judith Spörl

Judith Spörl ist Fluglotsin auf dem Salzburger Tower. Sie hat vor Kurzem den zweiten Band ihres Jugendbuches „Lena fliegt sich frei“ veröffentlicht. Mit der Geschichte möchte sie Mädchen fürs Fliegen begeistern.

Ich habe die Autorin am letzten Freitag auf der AERO getroffen und ihr ein paar Fragen zu ihrer Geschichte gestellt.

Du hast gerade die Fortsetzung von Lena liegt sich frei veröffentlicht. Ich persönlich liebe die Geschichte ja.

Das hat man schon gemerkt. Du warst eine der ersten, die ein Feedback gegeben haben. Das ist toll. Nichts ist schlimmer, als wenn keiner etwas dazu sagt und man im Leeren steht und nicht weiß, wie das Buch überhaupt ankommt.

In Fliegerkreisen kommen deine Bücher sehr gut an. Wie ist deine Erfahrung außerhalb der Fliegerwelt? Kaufen auch Nichtflieger dein Buch?

Es ist unheimlich schwer, die Nichtflieger zu erreichen. Meine Tochter ist gerade in dem Alter, das Buch zu lesen. Im kleinen Kreis – bei ihren Freundinnen oder Schulkameraden – kommt es sehr gut an. Das Stadtlesen bei uns ist auch ein tolles Event, bei dem man das Buch im kleinen Rahmen präsentieren kann und wo es gut ankommt.

Das Problem ist, dass man mit der Fliegerei eine sehr spezielle Nische bearbeitet. Für viele ist das zu elitär. Und gerade Buchhandlungen außerhalb der Luftfahrt wollen sich so ein Projekt nicht ans Bein binden.

Interview mit Judith Spörl auf der AERO 2018 © Maja Christ
Judith Spörl möchte junge Mädchen für die Luftfahrt begeistern

 

Das Problem ist, dass man mit der Fliegerei eine sehr spezielle Nische bearbeitet.

Wenn man nicht wirklich engagierte Leute hat, die eine Lesung oder ähnliches organisieren, erreicht man die Kinder außerhalb der Luftfahrt einfach nicht. Doch gerade für die ist das Buch geschrieben – diese Kinder kennen das nicht. Die anderen kriegen die Fliegerei durch den Freundes- oder Familienkreis sowieso mit.

Es wäre toll, den Sprung nach außen zu schaffen und die Leser zu erreichen, die nicht wissen, dass man schon mit 14 ins Flugzug steigen kann und selbst steuern darf.

Also sind jetzt noch nicht mehr Mädchen auf den Flugplätzen zu finden, um sich mal umzuhorchen?

Nein, mit Sicherheit noch nicht. Dazu müsste man größere Stückzahlen verkaufen. Und man bräuchte große Werbeträger – so wie die großen Verlage es machen – um die Mädchen zu erreichen. Da müsste jemand einen Film nach dem Buch drehen.

Mit einem stillen Buch, das auf einer Luftfahrtmesse verkauft wird, erreicht man die medienorientierten Kids nicht. Da erreicht man den Nachwuchs der Flieger. Und das ist ja auch schön, wenn die Geschichte bei diesen Kindern gut ankommt und weitergetragen wird. Kindern aus Fliegerfamilien ist es ja manchmal schon zu viel mit dem Fliegen zu Hause. So erreicht man sie auf einem anderen Weg – zumindest war es bei meiner Tochter so.

Wie bist du auf die Idee gekommen, diese Geschichte zu schreiben?

Ich bin selbst eine Leseratte und habe früher Enid Blyton und diese ganzen Reihen verschlungen. Es gibt tausend Ponyhofgeschichten und Internatsgeschichten und -serien. Ich habe zu Freunden schon vor Jahren mal gesagt: Mensch, es müsste so etwas eigentlich über den Flugplatz geben, das gibt es gar nicht. Es gab das natürlich doch: Uraltgeschichten aus den Fünfzigern. Aber die kennt ja heute einer mehr.

Und wie das oft ist mit solchen Sachen: Wenn man so etwas haben möchte, muss man es selbst machen. Doch vielleicht musste ich erst Mutter werden und in dieses Alter kommen, dass man sich sagt: So, jetzt schreibe ich das. Man hat dann ja auch einen anderen Blickwinkel aus erzieherischer Sicht: dass man etwas weitergeben möchte.

Das heißt, du wolltest nicht zuerst ein Buch schreiben und dann kam die Geschichte, sondern umgekehrt?

Ich wollte nie ein Buch schreiben oder Autorin werden. Ich war auch in Deutsch nie besonders toll, sondern ganz normaler Durchschnitt. Das war nie das Thema für mich.

Das Thema Luftfahrt macht einen als Frau sehr stark

Es war aber schade, dass es so ein Buch nicht gab. Ich habe für mich im Laufe der Jahre festgestellt, dass das Thema Luftfahrt einen als Frau sehr stark macht und einem viele Tore öffnet, die man vielleicht in anderen Situationen nicht hätte. Das ist sehr „weitergebenswert“.

Es müssen ja nicht alle fliegen gehen, aber es gibt so viele tolle Jobs in der Luftfahrt, die man machen kann. Doch die Mädels kommen gar nicht auf die Idee, wenn sie zu Klavierstunden, zum Ponyhof und zum Ballettunterricht rennen.

Die wenigsten kommen auf die Idee, sich mal auf einem Flugplatz oder Flughafen umzuschauen.

Du bist früher geflogen. Fliegst du jetzt nicht mehr?

Ich habe mit Segelflug angefangen. Da war ich 16. Ich bin viele Jahre geflogen, ausschließlich Segelflug. Ich habe dann Kunstflug gemacht und war in Australien zum Streckenfliegen. Aber durch meinen Vollzeitjob als Fluglotsin mit Schichtdienst wird es schwierig, an solchen Vereinsgeschichten teilzunehmen. Es lief dann immer mehr auf Ferienfliegerei und gerade soeben Scheinerhalt heraus. Man pendelt viel, dann kommt Familie dazu, man hat Verpflichtungen. Es hat dann keinen Spaß mehr gemacht.

Und Segelfliegen ist ein Sport, bei dem es sehr auf die Clique drumherum ankommt. Man muss einen guten Verein haben und ein gutes Umfeld, dann macht es Freude. Wenn sich dann gerade nicht die passenden Leute finden, macht es keinen Spaß mehr.

Das ist natürlich schade, aber nicht schlimm. Als Lotse fliegt man seinen Tower mit einem ähnlichen Verständnis wie der Pilot sein Flugzeug und man ist täglich am Geschehen. Es ist nett, wenn ich mal wieder einsteigen kann. Und mal schauen: Meine Tochter ist jetzt zehn. In vier Jahren hat sie ja vielleicht auch die Chance anzufangen. Wir gucken mal, was passiert.

Interview mit Judith Spörl auf der AERO 2018 © Maja Christ

Du bist Vollzeit berufstätig. Du hast eine Tochter. Wann schreibst du?

Wenn man Schichtdienst hat, hat man oft unter der Woche frei. Wenn mein Kind morgens in der Schule ist, bin ich auch nicht gerade der Putzteufel, der permanent die Wohnung auf Vordermann bringen muss. Da ich Vollzeit arbeite, leiste ich mir eine Nanny und eine Haushaltshilfe, die das Gröbste erledigt. An meinen freien Tagen habe ich Zeit.

Man schreibt ein Buch ja auch nicht in drei Wochen. Das baut sich peu a peu auf. Du kennst das ja selber. Es gibt Wochen, da schreibt man viel, auch mal im Urlaub. Das ist ganz unterschiedlich.

Eine persönliche Frage. Wie viel Judith steckt in Lena?

Mit Sicherheit ganz viel. Es ist nicht meine Geschichte. Aber das, was in der Geschichte passiert – wie man fliegen gelernt hat, erster Liebeskummer – das sind Erfahrungen, die man selbst gemacht hat und die man weitergeben kann. Der Unfall, den Lena im zweiten Band hat, ist so nicht autobiographisch, aber ich hatte mit 20 auch einen schlimmen Unfall mit Flugzeuganhänger.

Letzte Frage. Dürfen wir uns auf eine Fortsetzung der Geschichte freuen? Oder planst du etwas anderes? Ich habe da von einigen Ideen gehört.

Es gibt noch einige Projekte, die ich verfolge. Band 1 habe ich gerade von einem australischen Fluglehrer ins Englische übersetzen lassen. Er hat das mit viel Herzblut übernommen. Die englische Übersetzung kommt in wenigen Wochen heraus.

Dann ist ein Buch für Jungs im Alter von acht bis zehn geplant. Viele haben zum Buch von Lena gesagt: Tolle Idee, aber ich habe einen Buben, der liest nichts mit „rosa Buchstaben“. Also gibt es jetzt mal eine Jungen-Geschichte – mit einer Figur, die auch in den Lena-Büchern vorkommt. Das holt auch die Lena-Mädchen wieder ab. Ich hoffe, dass sie treu sind.

„Lena 3“ wird dann irgendwann kommen. Da geht es raus in die Welt. Lena fliegt im Ausland. Das Prinzip „Flugplatz – Familie“ greift überall und das ist ein toller Punkt, den man weitertrommeln kann.

Ich wünsche dir auf jeden Fall viel Erfolg. Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast.

Danke. Das wünsche ich dir auch mit deinem Projekt.


Interview mit Judith Spörl auf der AERO 2018 © Maja Christ
Frauen in allen Altersgruppen mehr für den Flugsport zu begeistern, ist ein tolles Ziel

Das Interview mit Judith führte ich am 20. April 2018 auf der AERO, der internationalen Fachmesse für Allgemeine Luftfahrt in Friedrichshafen.

 

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