Fliegen im Dunst

Bei schönem Wetter kann (fast) jeder fliegen. Man kann atemberaubende Fotos machen und die weiten Aussichten genießen. Bei widrigen Bedingungen wird ein Flug spannender. Zum Beispiel bei tiefhängenden Wolken und schlechten Sichten. Wichtig ist, dass man immer so fliegt, dass man sich oder andere nicht gefährdet. Dann macht auch so ein Flug viel Spaß. Wie der mit meinem Mann im Februar vor drei Jahren.

Einmal von Worms nach Stuttgart und zurück

Unser Ziel: Stuttgart. Von Worms, unserem damaligen „Heimatflugplatz“, sind es etwa 60 km Luftlinie einfache Entfernung. Eine Zwischenlandung haben wir nicht geplant, also 120 km hin und zurück plus ein wenig Herumkurven. Ich bin diesmal nur Navigator und Kamerafrau. Total entspannend.

Wir haben frei, unsere Kinder sind versorgt, ein Flugzeug ist gechartet. Das Problem: Wir haben Nebel. Dunst ohne Ende. Gafor, die Flugwettervorhersage, meldet für die zu durchfliegenden Gebiete jedoch „D1“ bis „D4“, also 8 bis 10 km Sicht und eine Wolkenuntergrenze von 2000 Fuß über der Bezugshöhe des Gebietes. Fliegbar.

Außer uns ist an diesem Mittag praktisch niemand am Wormser Flugplatz – vom Flugleiter abgesehen. Das ist auch kein Wunder. Es ist nicht nur diesig, sondern auch bitterkalt. Ich habe mich mit allem eingekleidet, was ich die Wintermonate über gestrickt habe: Wollsocken, Stulpen, Pulswärmer. Nur die Mütze habe ich zu Hause vergessen. Wollen wir wirklich fliegen? Wir beschließen, erst einmal auf Platzrunden-Höhe zu gehen und dann weiterzusehen.

Ich nehme die Suppe, bitte

Die Sicht ist wirklich bescheiden, aber wir haben gute Erdsicht und können auf genügend Höhe steigen, ohne in den Wolken zu landen. Navigieren kann man auch. Es sollte kein Problem sein, weiterzufliegen. Aber Fixpunkte am Horizont können wir vergessen. Doch das Navi bleibt aus – wir wollten nur mit Karte und Kompass navigieren.

Als erstes Etappenziel haben wir Speyer anvisiert. Heute entdecke ich sogar die Antenne, die ich bei meinem ersten Solostreckenflug immer wieder gesucht hatte. Ich muss ja nicht steuern und kann mich ganz aufs Rausgucken konzentrieren. Über Speyer ändern wir den Kurs in Richtung Eppingen.

Flugplatz Speyer und Technikmuseum im Dunst © Maja Christ
Flugplatz Speyer und Technikmuseum im Dunst

Die Straßen und Eisenbahnlinien sind gut zu erkennen, auch die Gewässer, die uns das Navigieren erleichtern sollen. Das Gelände unter uns steigt langsam an, die Wolkenbasis sinkt. Aber es gibt immer noch Puffer und es ist kein Problem, die Sicherheitshöhe einzuhalten.

Außer uns ist kaum ein Flugzeug in der Luft. Selbst auf der Frequenz von Langen Information ist es relativ ruhig. Ich bin erstaunt, wie gut man selbst in so einer „Suppe“ fliegen kann. Allerdings wird mir langsam kalt. Die Copiloten-Seite in dieser C42 wird deutlich schlechter geheizt als der Pilotensitz. Frechheit. Und dann wird mir irgendwann komisch vom Rausgucken. Muss ja so kommen. Ich war noch nie ein guter Mitflieger. Als ich noch Segelflugschülerin war, überlegten es sich die Scheininhaber zweimal, ob sie mich mitnehmen sollten, wenn kein Lehrer am Platz war. Es war nämlich sehr frustrierend für sie, wenn sie in der schönsten Thermik landen mussten, weil mir vom Kurbeln mal wieder schlecht geworden war … Na ja, so schlimm wie damals ist es jetzt nicht – wir fliegen ja vor allem geradeaus.

Stuttgart begrüßt uns mit Sonne

In der Nähe von Stuttgart kommt tatsächlich die Sonne heraus. Und dann sehen wir den „Grünen Heiner“, einen künstlich aufgeschütteten Berg mit Windenergieanlage obendrauf. Er gilt als Wahrzeichen von Stuttgart-Weilimdorf. Wir kurven ein wenig herum, dann machen uns auf den Rückweg – bevor mir wieder schlecht wird.

Der "Grüne Heiner", Wahrzeichen von Stuttgart-Weilimdorf © Maja Christ
Der „Grüne Heiner“, Wahrzeichen von Stuttgart-Weilimdorf. Hier ist es sogar ein bisschen sonnig.

Was auf dem Rückweg allerdings wieder schlecht wird, ist die Sicht: von Sonne keine Spur mehr. Das Navigieren wird wieder spannender. Irgendwann stoßen wir auf die A6, der wir zunächst folgen.

Heidelberg-Handschuhsheim im Dunst © Maja Christ
Heidelberg-Handschuhsheim im Dunst

Ab Walldorf fliegen wir an der Bergstraße weiter, über Heidelberg, bis Bensheim. Dort nehmen wir direkten Kurs auf die Piste 24 des Wormser Flugplatzes.

Anflug auf die Piste 24 in EDFV Worms mit Landebahnbefeuerung © Maja Christ
Anflug auf die Piste 24 in EDFV Worms mit Landebahnbefeuerung

Hatte ich behauptet, es sollte ein entspannter Flug für mich werden? Als wir abends auf dem Sofa sitzen, bin ich vollkommen erschöpft. Dabei habe ich nur mitnavigiert.

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2 Kommentare zu „Fliegen im Dunst

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