Winterwandern im Wald weit weg …

… von der Zivilisation. Eine kleine Blockhütte, einsam im Wald, mit einem Holzofen, einer Sitzecke und einem Schlaflager. Man muss Holz hacken, um kochen und heizen zu können. In der Nähe ein Plumpsklo (das im Sommer ziemlich stinken dürfte). Was es nicht gibt: Internet, Handynetz oder Strom. Perfekt für eine kleine Auszeit.

Um die Hütte im Winter erreichen zu können, muss man sich zu Fuß auf den Weg machen. Vom Winterparkplatz sind es etwa 4 Kilometer. Eigentlich nicht weit. Aber es sind knapp 300 Höhenmeter, von denen sich 250 auf die letzten 2 Kilometer beschränken. Die letzten 600 Meter Weg und 100 Höhenmeter haben es bei knietiefem Schnee in sich. Vor allem mit Gepäck. Für eine vierköpfige Familie für mehrere Tage Lebensmittel dort hinauf zu transportieren, ist eine kleine Herausforderung. Denn unsere Kinder essen zwar viel, können bei so einer Wanderung aber nicht viel tragen.

Die Planung

Wie viel Essen benötigt man für viereinhalb Tage im Winter für zwei Erwachsene und zwei immer hungrige Jungen, 9 und 11 Jahre alt? Es soll möglichst wenig wiegen, denn wir müssen alles auf den Schultern tragen – zusätzlich zu Schlafsäcken, Bettlaken, ein paar Kerzen und einer Petroleumlampe, Stirnlampen mit Ersatzakkus, Taschenmessern, Erste-Hilfe-Set, etwas Wechselkleidung, kleinen Trekking-Handtüchern, Zahnputzsachen, Seife, unserer Espressokanne (diesmal werden wir sie nicht vergessen!), Klopapier, Würfelspielen und einem guten Buch (für jeden, also vier Wälzer).

Alleine die Bücher wiegen 3 Kilogramm. Aber ohne Bücher geht es nicht.

Und das Essen darf nicht zu eintönig und knapp bemessen sein, wenn wir wollen, dass unsere Kinder so ein Abenteuer wieder mit uns machen. Da muss es schon lecker und abwechslungsreich sein. Bei unserem letzten Ausflug dieser Art waren wir nur zwei Tage unterwegs – mit einer Übernachtung. Diesmal sind es vier Übernachtungen. Ich plane zum Frühstück zweimal Pfannkuchen und zweimal Rühr- oder Spiegeleier, zum Mittag zweimal Nudeln (einmal mit Tomatensauce, einmal mit Käse-Sahne-Sauce), zweimal Reis mit roten Linsen, zum Abendessen Brot und Nudelsuppe.

Am Ende haben wir allein an Lebensmitteln mehr als 15 kg dabei:

  • 10 Äpfel
  • 2 Liter H-Milch
  • 1 kg Brot (ein sattmachendes, haltbares Roggenmischbrot mit Sauerteig, das ich am Vortag noch gebacken habe)
  • 18 Eier
  • 1,5 kg Nudeln (Farfalle und Suppennudeln)
  • 1 kg Mehl (für 2x Pfannkuchen)
  • 1 kg Salami (große und kleine für unterwegs), 1 kl. Packung Schinkenwürfel
  • 500 g Käse
  • 500 g Reis
  • 400 g rote Linsen
  • 5 kleine Zwiebeln, 1 Knoblauch
  • 4 kleine Möhren
  • 1,5 kg Trockenobst, Studentenfutter und Bananenchips
  • 500 g Espresso, 20 Teebeutel
  • 200 g Tomatensauce
  • 150 g H-Sahne
  • 1 Tafel Schokolade
  • Honig, etwas Zucker
  • 1 Packung Magnesium-Tabletten
  • 12 Müsliriegel
  • ½ Paket Butter (ca. 150 g)
  • Öl, Salz, Pfeffer, Gewürze, Brühe

Dazu etwas Wein für die Erwachsenen und 2 Liter Petroleum für die Lampe. Das GPS-Gerät und eine Kamera. Ein Handy für den Notfall. Zwar gibt es bei der Hütte selbst kein Netz, aber in der Nähe sollte man Empfang haben. Für Trinkwasser werden wir Schnee schmelzen oder Regenwasser sammeln, zum Waschen Bachwasser verwenden. Geschirr und Besteck müssen wir glücklicherweise nicht mitnehmen, das gibt es in der Hütte.

Der Aufstieg

Wir haben zwar zwei kleine Transportschlitten und können Schneeschuhe leihen. Es ist jedoch nicht sicher, wie lange wir überhaupt Schnee haben werden. Für die Tage, die wir in der Hütte verbringen wollen, sind steigende Temperaturen und Regen angesagt. Also lassen wir die Schlitten und Schneeschuhe im Tal und machen uns so auf den Weg. Das erste Stück führt noch über eine asphaltierte Straße, der Schnee ist hier bereits geräumt. Wir bringen das Gepäck ein Stück den Weg hinauf und laden es aus. Während einer das Auto zum Parkplatz zurückbringt, wartet der andere mit den Kindern, die sich bereits freudig in den Schnee schmeißen.

Dann geht es los. Wir schultern die Rucksäcke. Es ist halb zwölf, als wir uns auf den Weg machen. Das letzte Stück des asphaltierten Teils wird steil. Es ist rutschig und unsere Kinder beschweren sich das erste Mal. Sie wollen eine Pause machen, eine Stärkung haben. Jetzt schon? Dann aber wenigstens dort, wo der Weg wieder abflacht und nicht an der steilsten Stelle.

Unser Weg führt uns weiter in den Wald. Zunächst ist der Schnee noch nicht tief und wir kommen gut voran. Links vom Weg ist der Abhang steil. Unten fließt ein größerer Bach. Von der Bergseite stürzen kleine Bäche hinab. Es ist wunderschön. Ich bin froh, dass unsere Jungs dieses Abenteuer mit uns mitmachen. Vor allem der Große kommt langsam in die Pubertät und bockt gerne mal. Aber jetzt ist er mit vollem Einsatz dabei.

Langsam wird der Schnee tiefer. Der Weg beschwerlicher. Das Gewicht des Gepäcks drückt einen mit jedem Schritt tief in den Schnee. Hätten wir doch besser die Schneeschuhe mitnehmen sollen? Wir wechseln uns ab mit dem Spuren.

Wald im Schnee © Maja Christ
Wunderschöner Winterwald

Bald erreichen wir die Abzweigung vor dem letzten, dem steilsten Stück. Fast anderthalb Stunden sind wir bereits gewandert. Meine Beine werden müde. Es fehlt nicht mehr viel, aber es fehlt der anstrengendste Teil. Etwas mehr als ein halber Kilometer, auf dem wir 100 Höhenmeter überwinden müssen. Noch einmal gut 40 Minuten werden wir dafür benötigen. Mit jedem Schritt sinke ich gut dreißig Zentimeter in den Schnee ein. Rutsche ein Stück zurück. Nehme den nächsten Schritt in Angriff. Frage mich, wie Menschen das im Himalaya machen, die in großen Höhen mit wenig Sauerstoff viel weitere und steilere Strecken wandern. Dies hier ist ein Witz dagegen und mein Respekt den großen Bergsteigern gegenüber wächst. Warum habe ich nur so wenig Kondition? Wohl die letzten Wochen und Monate zu viel am Roman geschrieben.

Ich bin dankbar für eine kurze Verschnaufpause. Dann geht es weiter. Schritt für Schritt. Hinter der nächsten Kurve müsste die Hütte bereits zu sehen sein. Nein, es fehlt noch. Aber dann tauchen erst das Häuschen mit dem Plumpsklo und dann die Hütte auf. Nun heißt es: anheizen, eine erste warme Mahlzeit zubereiten, den Weg zum Klohäuschen freischaufeln. Erst als ich den Rucksack abnehme, realisiere ich, wie schwer er ist. Es geht doch nichts über gute Trekking-Rucksäcke.

Und während wir Erwachsenen unsere müden Glieder ausruhen, toben die Kinder bereits wieder im Schnee.

Hütte im Schnee © Maja Christ
Nach zwei Stunden Fußmarsch durch den Schnee mit schwerem Gepäck haben wir endlich unser Ziel erreicht

Die Tage in der Hütte

Den nächsten Tag haben wir noch weitgehend schönes Wetter. Es schneit sogar noch einmal. Die Kinder sind fast die ganze Zeit draußen im Schnee, rutschen die Abhänge hinunter und buddeln sich gegenseitig ein.

Schnee abkochen © Maja Christ
Für das Essen müssen wir erst Schnee abkochen

Am zweiten Tag kommt das Unwetter. Orkanartige Böen und Regen. Es hört den ganzen Tag nicht auf zu regnen. Unglaublich, wie viel Wasser da vom Himmel kommt. Die Bäche steigen immer weiter an. Der Schnee geht zwar zurück, aber er hält sich dennoch tapfer.

Wir lesen, spielen (10.000, Kniffel, Qwixx, Qwinto und wieder 10.000), kochen, und während die Erwachsenen das „Nichtstun“ genießen, bekommen die Kinder einen ersten kleinen Hüttenkoller.

Wassersammeln © Maja Christ
Weil Frischschnee knapp wird, sammeln wir Regenwasser. Sieht aus wie ein Wolf, der trinkt.

Am nächsten Tag können wir endlich eine Wanderung machen. Der erste Teil führt uns noch über schneebedeckte Wege. Wir wechseln uns wieder mit dem Spuren ab.

Irgendwann erreichen wir einen Weg, der fast komplett unter Wasser steht. Rechts an der Bergseite ein Bach, gut vierzig Zentimeter lief, links geht es steil hinab. Es ist ein echtes Abenteuer, sich hier einen trockenen Weg zu suchen. Erst auf dem Rückweg sehen wir, dass das Wasser mehrmals einfach gurgelnd im Boden verschwindet und der Weg anscheinend teilweise unterspült wird. Ein Grund mehr, näher am Bachlauf entlang zu wandern. Lieber nass werden als abrutschen.

Weg im Wald unter Wasser © Maja Christ
Der Wanderweg steht unter Wasser. Rechts der Bach ist um die 40 cm tief.

Meine Kinder beschweren sich zwar, dass sie das mit dem rationierten Essen nicht so toll finden, aber Hunger müssen sie nicht leiden. Im Gegenteil. Wir genießen unsere Mahlzeiten. Und es ist spannend, Schnee schmelzen und abkochen zu müssen, um Trinkwasser zu kommen. Abends machen wir Bratäpfel mit Rosinen. Das hat schon Tradition.

Wald im Morgenrot © Maja Christ
Morgendlicher Ausblick

Der Abstieg

Am fünften Tag machen wir uns gegen Mittag wieder auf den Weg ins Tal. Der Schnee geht immer weiter zurück, die Essensvorräte sind aufgebraucht. Einzig ein kleines Tütchen Suppennudeln, etwas Brühe und Salz (für eine Reservesuppe – man weiß ja nie, was einem dazwischen kommt), vier Müsliriegel und ein paar getrocknete Mangos als Wegzehrung sowie Honig und Kaffee sind übrig geblieben.

Auch wenn unsere Kinder es uns anfangs nicht glauben wollen – bald merken sie es selbst: dass ein Abstieg nicht zu unterschätzen ist und beinahe so anstrengend wie der Aufstieg sein kann. Das erste steile Stück ist gemein für unsere Beine – obwohl wir weniger Gewicht im Gepäck haben.

Wald im Nebel © Maja Christ
Der Wald liegt im Nebel, als wir absteigen.

Je weiter wir nach unten kommen, desto weniger Schnee gibt es. Im Dorf ist praktisch gar kein Schnee mehr. Anderthalb Stunden nach unserem Aufbruch erreichen wir erschöpft unser Auto.

Die Fahrt zurück nach Hause ist seltsam. Auch wenn wir nur wenige Tage allein im Wald waren, kommen uns die ersten Menschen und Autos, die wir sehen, surreal vor. Ein Tag vom Wochenende bleibt zum Ausruhen, dann ist unser Urlaub vorbei. Wir müssen wieder arbeiten, die Kinder zur Schule. Unsere gemeinsame Auszeit haben wir auf jeden Fall sehr genossen.

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6 Kommentare zu „Winterwandern im Wald weit weg …

    1. Danke 🙂
      Ich hoffe wirklich, dass unsere Kinder solche Abenteuer noch oft mit uns machen. Wenn man ihnen genug Freiraum gibt und ihnen nicht zu viel zumutet, dann ist es eine tolle Erfahrung für sie, an die sie sich lange im Positiven erinnern werden.

      Gefällt 1 Person

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