Verfliegst noch mal!

Fliegen und Radfahren kann man prima miteinander verbinden. Aber als ich das erste Mal nach der Schulung allein auf einen Streckenflug gehe, dauert alles etwas länger als geplant.

April 2015. Ich habe einen freien Tag und will das ausnutzen, eine Radtour zu machen. Wenige Tage zuvor habe ich meine Flugprüfung für Ultraleichtflugzeuge gemacht und warte noch auf Post vom Deutschen Aero Club mit meinem Flugschein. Doch dann liegt als Osterüberraschung früher als erwartet der Brief mit meinem Flugschein im Briefkasten. Und zu allem Glück wird das Aprilwetter auch noch herrlich sonnig.

ICAO-Karte mit Kurs EDFV-EDFC-EDGM-EDFV © Maja Christ

Ich halte meinen niegelnagelneuen Flugschein in den Händen und denke mir: Das muss man ausnutzen! Und das Fahrradfahren einfach gleich mit dem Fliegen verbinden: Mit dem Rad von Heidelberg nach Worms und dann weiter mit dem Flugzeug. Perfekt!

Es sind ca. 40 km von Heidelberg zum Flugplatz, bei dem ich meine Flugausbildung gemacht habe (www.flugschule-worms.de). Das sollte in zweieinhalb Stunden zu schaffen sein. Für meinen ersten Streckenflug als Scheininhaber empfiehlt mir mein Mann ein Dreieck mit drei fast identisch langen Schenkeln: Worms – Aschaffenburg – Mosbach – Worms. Insgesamt 180 km. Klingt hervorragend!

Erst einmal Radfahren

Mit Wechselkleidung, Flugbuch, Headset, und allem, was ich sonst so zum Radeln und Fliegen brauche, mache ich mich auf den Weg. Natürlich verfahre ich mich ein paar Mal. Weitere Zeit geht dafür drauf, ab und zu die Landschaft zu genießen und einen Geocache im Käfertaler Wald zu suchen. Also brauche ich mehr als drei Stunden. Aber ich habe keine Eile.

Mit dem Rad zum Flugplatz © Maja Christ
Schön, wenn man mehrere Hobbys miteinander verbinden kann

Endlich komme ich an den Flugplatz. Schon von Weitem kann man die Segelflieger sehen. Sie haben die Saison eröffnet und kreisen wie Geier über dem Platz. Am Flugplatz angekommen, mache ich mir eines der Flugzeuge fertig, eine C42, und tanke eine ordentliche Reserve. Man kann ja nie wissen. Niemand hat das Flugzeug nach mir gebucht, ich habe es also den restlichen Nachmittag für mich.

„Fliegst Du zufällig nach Mosbach?“ fragt Andreas, der Betreiber der Flugschule. Er hat ein Ersatzteil, das ich für ihn bei der Easy-Bird-Flugschule abgeben könnte. Damals weiß ich noch nicht, dass ich bald auch bei Günter von Easy-Bird fliegen werde. Ja, nach Mosbach will ich auch. Kein Problem, ich kann das Paket gerne abliefern. Bote per Flugzeug – das ist doch eine spannende Aufgabe für den ersten Flug mit Schein!

Von Worms EDFV Richtung Aschaffenburg EDFC

Mit etwas Verspätung starte ich und mache mich auf den Weg Richtung Aschaffenburg. Die Frühlingssonne leistet ganze Arbeit: Durch die aufsteigenden Luftmassen ist es extrem ruppig. Immer wieder reißt es mir eine Fläche hoch. Den Segelfliegern ist die Thermik natürlich recht: Über Weinheim mitten auf meiner Kurslinie kreisen mindestens fünf weitere Segelflugzeuge. Ich bekomme etwas Sehnsucht nach meiner Segelfliegerzeit und fliege in weitem Bogen um sie herum, um sie nicht beim Kurbeln zu stören.

Flug über den Odenwald © Maja Christ
Flug über den Odenwald

Mitten über dem Odenwald, da wo alle Ortschaften irgendwie gleich aussehen und es ohnehin schwer für einen Anfänger ist, nur mit Karte und Kompass zu navigieren, lassen mich die Akkus meines Headsets im Stich. Ich habe vergessen, sie sicherheitshalber auszuwechseln. So ist es viel zu laut. Mein GPS-Logger läuft mit, um den Flug aufzuzeichnen. Er hat die gleichen Akkus. GPS-Gerät oder Headset? Das Headset ist mir wichtiger. Also krame ich den Logger aus der Seitentasche, bastle schweren Herzens die Akkus heraus und versuche, sie im Headset einzubauen. Das gestaltet sich wegen des ruppigen Thermik-Wetters etwas schwierig. Ich kann kaum den Steuerknüppel loslassen. Mit nur einer Hand ist es aber unmöglich, die Akkus zu tauschen. Irgendwann habe ich es doch geschafft. Dafür weiß ich nun nicht mehr, über welchem Dorf ich mich gerade befinde. Verflixt noch mal! Es sieht alles irgendwie gleich aus. Mit Eisenbahnlinien, Flüsschen und Straßen versuche ich, mich zu orientieren und melde mich in Aschaffenburg mit „5 Minuten westlich des Platzes“ an.

Da ist der Main, da sind Fabriken, irgendwo muss der Platz sein. Ah, da ist er. Ich will schon Höhe abbauen, als ich sehe, dass das nicht der Flugplatz von Aschaffenburg sein kann. Der Wald im Norden fehlt, wo man sich in die Platzrunde einordnen soll. Ich studiere die Karte. Nicht weit vom Flugplatz Aschaffenburg EDFC liegt ein weiterer Flugplatz, der jetzt geschlossen ist. Das muss er sein: Babenhausen. Also nehme ich wieder etwas Höhe auf und fliege in einem Bogen um den Platz Richtung Süden. Immerhin weiß ich jetzt, wo ich bin.

Und dann bin ich über einem markanten Straßenkreuz mit Turm mitten im Wald. Das muss der Punkt sein, an dem man sich in die Platzrunde einfädeln soll. Was ich dennoch nicht entdecke, so sehr ich auch suche, ist der Flugplatz. Das ist doch nicht möglich, sage ich mir. Er muss hier doch sein. Also vergleiche ich kreisend die Gewässer mit dem Anflugblatt und komme mir langsam etwas dämlich vor. Wenn ich den Platz nicht finden sollte, fliege ich einfach Richtung Mosbach weiter, denke ich. Das wäre zwar ärgerlich, aber auch nicht weiter schlimm.

Ich horche auf den Funk, ob sich ein Pilot im Anflug meldet und beobachte den Luftraum. Vielleicht kann ich so die Piste sehen. Endlich meldet sich jemand im Gegenanflug und ich entdecke den Flieger weit unter mir. „D-MADS – sind Sie noch da?“ ruft mich jemand über Funk. Oje, ich bin schon mindestens 15 Minuten in der Gegend herum gekurvt. Der Flugleiter hat sich bestimmt gedacht, ich hätte meine C42 mit einem Segelflugzeug verwechselt und im Einflugbereich der Platzrunde nach Thermik gesucht. Ich melde mich: „Ja, ich bin noch da, konnte nur gerade den Platz nicht finden. Drehe jetzt in den Gegenanflug zur 08.“

Schleunigst baue ich Höhe ab und lasse den anderen Flieger nicht mehr aus den Augen. Wie, so klein ist die Platzrunde – so nah der Platz? Kein Wunder, dass ich ihn nicht gesehen habe. Er ist direkt hinter der Waldkante versteckt. Man lernt halt erst mit der Zeit, die Entfernungen von der Luft aus richtig einzuschätzen.

Ich setze kurz auf und nehme gleich wieder Fahrt zum Abheben auf. Die Rechnung für die Landegebühren wird nach Worms geschickt, so dass ich nicht zum Bezahlen zum Flugleiter gehen muss.

Weiter nach Mosbach-Lohrbach EDGM

Trotzdem habe ich viel Zeit verloren. Die nächste Etappe ist einfacher. Ich muss fast genau Richtung Süden fliegen, auf einen Fernsehturm zu, der sich hervorragend eignet, den Kurs zu halten und sich etwas zu entspannen. Solange man den Steuerknüppel nicht loslassen muss, um seine Zeiten bis zum nächsten Wegpunkt aufzuschreiben. Ich schimpfe, als mir die aufsteigende Luft wieder einmal die Fläche hochreißt. Wieder kreisen nicht weit von meiner Route entfernt Segelflugzeuge im Aufwind. Ich komme an Michelstadt vorbei und erreiche den Fernsehturm.

Aussicht über den Odenwald © Maja Christ
Aussicht über den Odenwald

Zeit, sich in Mosbach-Lohrbach EDGM zu melden. Dort bekomme ich den Auftrag, direkt in den Endanflug auf die Piste 15 zu gehen. Das bedeutet, dass ich genau auf den Platz zufliegen muss und nicht suchen kann. Es wird langsam spannend. In der Ferne ist das Kernkraftwerk Obrigheim zu sehen. Mosbach ist also nicht mehr weit. Ich passiere Hallen, die wie ein Flugplatz aussehen und denke: „Ach, das müssen die Hallen mit dem Parkplatz sein, die wie ein Flugplatz aussehen, von denen Andrés mal erzählt hat. Obrigheim ist ja noch weit weg.“

Aber hat das nicht tatsächlich wie ein Flugplatz ausgesehen? Hm, dann war das bestimmt das Segelfluggelände, das ich auch passieren müsste. Aber Segelfluggelände haben keine Asphaltbahn. Ich schaue auf die Uhr. Von der Uhrzeit her müsste das tatsächlich der Flugplatz Mosbach-Lohrbach gewesen sein. Aber ich bin doch während der Ausbildung schon einmal hier gewesen. Da sah das ganz anders aus!
Mist, denke ich. Damals bin ich von Westen gekommen, diesmal vom Norden. Der Platz liegt nicht direkt bei der Stadt, sondern oben auf dem Berg. Und wenn das der Flugplatz gewesen ist, bin ich dann nicht vielleicht schon viel zu nah am Sperrgebiet des Kraftwerkes? Da darf ich nicht hineinfliegen. Also lasse ich die Maschine schleunigst wieder etwas höher steigen, drehe um und vergleiche die Landschaft mit der Karte.
Das kann doch alles nicht wahr sein. Sollte ich jetzt hier die gleichen Probleme wie in Aschaffenburg haben? Allerdings könnte ich nicht einfach wieder wegfliegen. Ich habe ja das Paket dabei. Seufzend setze ich erst einmal einen Funkspruch ab: „D-DS – ich brauche noch etwas Zeit, ich bin wohl gerade an Euch vorbeigeflogen.“ Peinlich ist das.

„D-DS – soll ich Ihnen mal ein QDM geben?“ – „Och, ich glaube, ich weiß jetzt, wo ich bin, ich finde den Platz gleich.“ – „D-DS. Alles klar, ich geb‘ Ihnen trotzdem mal Ihr QDM: 340.“ Ich bestätige dankbar und nehme den Kurs auf. Das QDM ist die Peilung von einem Luftfahrzeug zu einem Bodensender, also in diesem Fall zum Flugplatz Mosbach-Lohrbach: Wenn ich jetzt Richtung 340 Grad fliege, komme ich direkt zum Platz. Sicherheitshalber bitte ich kurze Zeit später erneut um ein QDM. 330. Immerhin bin ich nicht schon wieder vorbeigeflogen. Endlich sehe ich den Platz und einen Tragschrauber im Queranflug. Ich atme auf.

Ohne Umwege zurück

Ich gebe mein Päckchen beim Flugleiter ab, werfe noch schnell ein Blick in den Tank und mache mich schleunigst auf den Rückflug. Gut, dass ich 20 Liter extra getankt habe. Für den Rückweg habe ich mehr als genug Sprit dabei.

Zu meinem Erstaunen verläuft der Rückflug nach Worms dann vollkommen reibungslos. Mit einer Stunde Verspätung kann ich mich mit einer Tasse Kaffee in den Vorbereitungsraum setzen und mich kopfschüttelnd über meine Odyssee amüsieren. Mein erster Botenflug mit etwas Verfliegerei.

Es wird Zeit, nach Hause zu kommen. Also schwinge ich mich wieder auf mein Rad und mache ich mich auf den Weg Richtung Wormser Innenstadt. Den Rückweg will ich nicht komplett radeln. Ich nehme lieber den Zug. Da kann ich mich nämlich nicht verfahren. Aber dem Niebelungentor und dem Dom statte ich noch einen schnellen Besuch ab, bevor ich zum Bahnhof radle und mein Rad in die nächste Bahn schiebe.

Trotz Umwegen: So geht ein gelungener Tag. Schließlich macht Übung den Meister.

Flugplatz Worms © Maja Christ
Flugplatz Worms EDFV
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2 Kommentare zu „Verfliegst noch mal!

  1. Haha, super! Ich erkenne Flugplätze auch nicht aus der Luft… Mit dem Segelflieger musste ich deswegen schon außenlanden 😉 Ich finde es sehr sympathisch, wenn andere auch mal ihre „Fehler“ teilen. Vielen Dank für die tollen Berichte hier

    Gefällt 1 Person

    1. Geschichten leben doch von dem, was nicht richtig geklappt hat, oder? Inzwischen finde ich die Plätze (meist) viel besser. Erfahrung kommt mit dem Fliegen! Also ab ins Flugzeug!

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