Kletterabenteuer in Spanien: Peñón de Ifach – Teil 1

Im Herbst 2004 erzählt uns ein Freund von einem beeindruckenden Felsen in Spanien, der direkt am Strand 330 m in die Höhe ragt. Er steht an der Costa Blanca zwischen Valencia und Alicante in einem Dorf namens Calpe: der „Penyal d’Ifac“ oder „Peñón de Ifach“. Wir klettern noch nicht lange, aber da müssen wir hin! Es wird jedoch ein langer Weg auf den Gipfel.

Andrés und ich klettern seit etwa 2000 oder 2001. Es ging uns nie um Leistung, sondern vor allem um Spaß. Inzwischen haben wir Kinder, haben viele andere Hobbys (zum Beispiel die Fliegerei und #hortenmicrolight) und klettern deutlich weniger. Vor allem ruhiger.

Die Geschichte, von der ich euch heute erzählen möchte, spielt sich im Jahr 2004 ab. Wir sind zu dem Zeitpunkt noch nicht so erfahren und routiniert wie in den darauffolgenden Jahren. Was wir vor allem sind: jung und abenteuerlustig. Während Andrés sich langsam in Richtung „achter Grad“ vorarbeitet, bin ich im fünften bis sechsten Grad glücklich – solange ich mich im Nachstieg befinde. Bis dahin haben wir neben dem „Bouldern“, dem Klettern in Absprunghöhe, jedoch nur reine Sportkletterei in umliegenden Steinbrüchen betrieben. Etwas Alpines, eine Mehrseillängentour, ist noch nicht dabei gewesen. Das soll sich nun ändern.

Ein Stand hat immer zwei Bohrhaken?

Ein Freund, ich nenne ihn mal Joris*, erzählt uns von einem beeindruckenden Felsen in Spanien, der direkt am Strand 330 m in die Höhe ragt. Er steht an der Costa Blanca zwischen Valencia und Alicante in einem Touristendorf namens Calpe: der „Penyal d’Ifac“ oder „Peñón de Ifach“. Joris war schon häufiger am Peñón, auch auf dem Gipfel, weil Bekannte eine kleine Ferienwohnung in Calpe haben. Allerdings ist er stets über den Touristenpfad auf der östlichen Seite des Felsens hochgelaufen. Mit dem Klettern hat er gerade erst angefangen.

Peñón de Ifach in Calpe, Spanien © Maja Christ
Peñón de Ifach in Calpe, Spanien

Wir suchen sofort im Internet nach Bildern und sind begeistert. Da müssen wir hin! Bei unserer Suche stoßen wir auch gleich auf einen Flyer mit einem einfachen Topo. Die Routen starten bei „IV+“ und enden bei „6b+“.

Peñón de Ifach: Klettertopo
Peñón de Ifach: Klettertopo

Auf der Nordseite ist der Berg schmal und mit dem Festland verbunden. Der Touristenpfad führt auf dieser Seite zunächst in Serpentinen bis an den Fels. Währen der Fels dann steil ansteigt, biegt der Touristenpfad nach Osten ab und führt durch einen Tunnel auf die andere Seite. Hier können die „Touris“ dann weiter hinauf bis zum Gipfel wandern. Joris erzählt uns, dass sich viele sogar in Flip-Flops auf den Weg zum Gipfel machen. Ganz ungefährlich ist das nicht. Da der Fels aus Kalk besteht, ist der Pfad zum Teil glatt wie Marmor. Manchem Touristen ist zudem anscheinend nicht bewusst, dass es auf zwei Seiten steil bergab geht.

Nach Südosten hin läuft der Berg spitz zu, auf beiden Seiten vom Meer umgeben. Vor allem die Südseite ist Ehrfurcht einflößend. Die Routen, die für uns infrage kommen, sind um die 250 Meter lang und haben um die neun Seillängen. Am meisten angetan hat es uns eine V+ im vorderen Bereich der Sonnenseite. Ihr Name: Diedro UBSA. „Diedro“ heißt „Verschneidung“ und Verschneidungen lieben wir. Die Route startet relativ gemütlich mit einfachem Gelände und folgt dann im fünften Grad einer markanten Verschneidung. Nach der vierten Seillänge muss man durch einen Kamin weiter, der wieder etwas leichter zu klettern ist. Nach zwei weiteren Seillängen kommt man an eine Stelle, an der man sich pendelnd abseilen und dann nach links queren muss. Klingt super spannend. Dann geht es wieder in einer Verschneidung weiter. Wir sind sofort begeistert und denken: Alles klar, eine V+ schaffen wir locker, auch neunmal hintereinander. Außerdem sind ja einige leichtere Etappen im Grad VI und V dabei.

Für diejenigen, die noch nie in Spanien geklettert sind, ist hier vielleicht ein kleiner Exkurs vonnöten. Was wir nämlich damals nicht wissen:

Die Spanier haben ihre eigene Kletter-Schwierigkeitsskala. Bis zur V ist sie vergleichbar mit der in Deutschland üblichen UIAA-Skala. Danach geht es jedoch mit der französischen Skala weiter, und zwar mit der „6a“. Eine französische „6a“ entspricht einer „VI+“ in der UIAA-Skala. Der „V+“-Bereich ist also recht groß. Wie schwer V+ ist, hängt vom Alter der Route und der Erstbegehung ab: Eine neue Route, die mit „V+“ bewertet ist, ist vielleicht noch vergleichbar mit einer deutschen V+. Anders eine alte Route: Als das Material und vor allem die Kletterschuhe noch nicht so ausgefeilt waren, war „V“ zunächst die Grenze des Normal-Kletterbaren. Alles, was schwerer als „V“ war, bekam damals eine „V+“. Eine alte V+ kann also ALLES sein, was man irgendwie hoch gekommen war, was aber definitiv schwerer als „V“ war.

Dieses wichtige Detail lernen wir jedoch erst später. Im Augenblick wissen wir das noch nicht. Es wird ein langer Weg werden, bis wir unsere „Traumroute“ bezwingen können.

Klettertraining

Unser Plan: Wir wollen zu dritt nach Spanien fliegen und gemeinsam den Peñón besteigen. Da Andrés zu dem Zeitpunkt am besten von uns Dreien klettern kann, soll er die Tour komplett vorsteigen. Joris und ich werden gemeinsam nachsteigen. Wir fangen an zu üben. In der Kletterhalle klettern wir nun regelmäßig eine Tour nach der anderen, um die Ausdauer zu trainieren. Wir wohnen zu dem Zeitpunkt in Nordrhein-Westfalen. Die Auswahl an Kletterfelsen in der Umgebung ist eher mau. In Belgien, weniger als eine Stunde Autofahrt von uns entfernt, gibt es jedoch einen Felsen, an dem man tatsächlich Zwei-Seillängen-Touren klettern kann. Dort üben wir, einen Stand zu bauen und den Kletterpartner nachzuholen. Und wir gewöhnen uns an die bombastischen Hakenabstände, die an Südfrankreich erinnern: ein Haken hinter dem anderen. Nicht wie in der Fränkischen. Es handelt sich hier halt um einen Schulungsfelsen. Jeder Stand hat zwei dicke Bohrhaken – ideal, um einen sicheren Stand zu bauen. Wir haben zuvor einige Monate in den USA gearbeitet und dort einen Technik-Kletterkurs gemacht: Sichern, Abseilen, verunglückten Kletterpartner retten und so weiter. Der Trainer hat immer wieder gesagt: „You always need two points of attachment!“ Wie ein Mantra. Das hat sich gefestigt. Und nach unserer Erfahrung an diesem Schulungsfelsen sind wir überzeugt, dass ein Stand in einer Mehrseillängentour immer zwei dicke Bohrhaken haben wird. Wir sind halt nicht nur jung und abenteuerlustig. Wir sind wohl auch ein bisschen naiv.

Bald fühlen wir uns bereit für den Peñón. Es ist inzwischen Dezember. In der Woche vor Weihnachten sind die Flüge günstig. Also buchen wir für vier Tage drei Flugtickets nach Alicante und einen Mietwagen. Wohnen dürfen wir in der Ferienwohnung von Joris‘ Bekannten. Ich habe einen „Haulbag“ genäht, eine Tasche, mit der wir unser ganzes Material wie Wanderschuhe für den Zu- und Abstieg und die Verpflegung nicht die ganze Zeit auf dem Rücken den Berg hochschleppen müssen. Das habe ich mir bei den großen Kletterern abgeguckt, die über mehrere Tage in irgendeiner Wand hängen. Und ich finde, dass wir das auch brauchen. Nicht lachen. Ich werde noch dazulernen.

Inzwischen haben wir uns auch einen Satz Klemmkeile und ein paar „Friends“ zum Selbstsichern besorgt. Die braucht man, wenn es nicht genügend Bohrhaken in der Wand gibt, an denen man sich sichern kann. Laut Topo soll ein Satz Klemmkeile reichen.

Dann endlich ist es soweit: Wir sind in Calpe. Die Ferienwohnung ist versteckt zwischen vielen anderen kleinen Touristen-Appartments. Aber von der Terrasse aus sehen wir den Peñón. Auch im Dunkeln ist er beeindruckend. Wir sortieren noch einmal unsere Klettersachen und gehen dann bald schlafen. Schließlich müssen wir am nächsten Tag fit sein!

Erster Versuch – Diedro UBSA

Peñón de Ifach: der Diedro UBSA am Riss entlang © Maja Christ
Peñón de Ifach: der Diedro UBSA am Riss entlang

Am Morgen machen wir uns gleich nach dem Frühstück auf den Weg zum Fels. Wow. Er ist wirklich beeindruckend. Wir ziehen unsere Klettergurte an, behängen uns mit Express-Schlingen, Klemmkeilen, Reepschnüren und diversen Bandschlingen und schultern unsere Kletterseile. Zwei Einfachseile. Halbseile, wie sie für diese Aktion sinnvoll wären, besitzen wir noch nicht.

Es dauert ewig, bis wir den richtigen Weg finden, noch einmal im Gebüsch verschwunden sind, den Gurt wieder angezogen haben und endlich in der Nähe zum Einstieg der Tour stehen. Direkt am Einstieg sind wir noch nicht – vor uns liegt noch ein Zweier- bis Dreier-Gelände. Maximal zehn Meter. Wären wir schon warm geklettert, würden wir sicher einfach so hoch kraxeln. Jetzt sind wir allerdings noch ganz steif. Auch in Spanien ist Winter. Tagsüber können die Temperaturen zwar steigen, aber noch ist es recht frisch. Also knotet Andrés sich die beiden Seile an den Gurt und macht sich auf den Weg. Ich sichere ihn. Andere Kletterer beobachten uns kopfschüttelnd. Niemand von ihnen würde sich hier sichern.

Eine Möwe beäugt uns skeptisch
Eine Möwe beäugt uns skeptisch

Endlich stehen wir am Einstieg des „Diedro UBSA“ und schauen hinauf. Beängstigend sieht der Fels aus. Als wollte er uns sagen, dass wir hier nichts zu suchen hätten und er uns das schon zeigen wird. Wollen wir wirklich da hoch? Haben wir eine realistische Chance? Wie klein man sich plötzlich fühlen kann. Um uns herum kreisen Möwen. Sie lachen uns auch aus. Am ersten Tag müssen wir noch nicht bis oben kommen. Es ist sowieso schon zu spät geworden. Aber zumindest wollen wir den Fels und die ersten Seillängen testen.

Unsere erste Frage: Wo sind eigentlich die Sicherungshaken? Weit oben erspähen wir einen ersten rostigen Nagel im Riss. Einen einzelnen Bohrhaken sehen wir auch, aber der gehört nicht zu unserer Route, sondern zu einer 6a. Andrés atmet einmal tief durch und macht sich auf den Weg. Er braucht lange, um die Klemmkeile zu platzieren. Sie sollen gut sitzen. Wir müssen erkennen, dass die Absicherung hier bei Weitem nicht mit der in Belgien oder Frankreich mithalten kann: Sie ist, um es höflich auszudrücken, sehr spartanisch. Und man muss immer schauen, ob der Nagel dann auch halten würde – bei der salzigen Meeresluft kann man nie wissen.

Ich schwitze. Weil es morgens noch kalt war, habe ich sogar lange Unterwäsche unter meinem Fleece-Pulli. Auch Joris wird in der Sonne viel zu warm. Diese Sonneneinstrahlung sind wir nach den deutschen Herbstmonaten nicht mehr gewöhnt.

Irgendwann nach einer halben Ewigkeit kommt Andrés am ersten Stand an. Dort gibt es tatsächlich einen richtigen Bohrhaken. Einen, nicht zwei. Es dauerte eine weitere halbe Ewigkeit, bis er alles eingerichtet hat und „Nachkommen“ ruft. Wir sind inzwischen von der Sonne gekocht worden, die uns im Nacken brennt. Ich verstaue meinen Pulli im Rucksack und mache mich auf den Weg. Joris folgt mir. Immer wieder müssen wir warten, bis Andrés die Seile nachgezogen hat. Als wir den ersten Stand erreichen, sind wir vollkommen geschafft. Wie viele weitere Seillängen sollen folgen? Acht?

Auf jeden Fall ist der Standplatz schön. Eine richtige kleine Höhle gibt es hier. Sie bietet gerade genug Platz für uns Drei. Andrés spricht aus, was wir alle denken: „Wenn die gesamte Route in dieser Schwierigkeit weiterführt und ich fast alle Sicherungen selbst legen muss, kommen wir da nicht hoch.“ Es wird zu lange dauern. Für ihn wird es besonders anstrengend werden. Schließlich muss er die gesamte Route vorsteigen. Joris hat noch nicht genug Erfahrung und ich bin ein Schisser. Also genießen wir noch einen Moment den Ausblick und seilen uns dann einer nach dem anderen ab.

Inzwischen ist es spät geworden. Wir brauchen einen neuen Plan. Und etwas zu Essen. In der Ferienwohnung kochen wir uns einen riesigen Topf Spaghetti mit Tomaten-Meeresfrüchte-Sauce. Und studieren das Topo. Welche Route könnte als Alternative für uns infrage kommen? Es gibt nicht viele Touren, die leichter sind als „V+“. Genaugenommen gibt es in unserem Topo nur eine: An der Nordwand führt eine „IV+“ hoch. „Pany“ heißt sie und sie war die erste Kletterroute am Peñón, quasi der „Normalweg“. Sicher ist sie auch nicht besser abgesichert. Aber wenn sie deutlich leichter ist, ist es bestimmt einfacher mit dem Selbstsichern.

Erschöpft fallen wir in unsere Betten. Morgen wird alles besser. Die Pany kommen wir locker hoch.

Zweiter Versuch – Pany

Wieder stehen wir im Dunkeln auf, frühstücken und fahren zum Peñón. Diesmal nehmen wir nicht den Weg am Ufer entlang zur Südseite, sondern den ersten Teil des Touristenpfades. Er führt in Serpentinen hinauf zur Nordwand. Am Fuß der Wand angekommen, müssen wir den Einstieg zur Route suchen. Wieder gestaltet sich das schwieriger als erwartet. Der Peñón ist groß, das Gestrüpp dicht und das Topo ungenau. Irgendwann haben wir eine Stelle gefunden, die uns plausibel erscheint. Andrés steigt erneut vor. Aber glücklich sieht er nicht aus. Es gibt keine Sicherungen und einen Stand findet er auch nicht. Also baut er auf einem Vorsprung mit diversen Klemmkeilen und Schlingen selbst einen Stand und lässt uns nachkommen. Wie die Route von hier aus weitergehen soll, können wir beim besten Willen nicht erkennen. Wir müssen falsch sein. Also wieder runter und weitersuchen. Etwas weiter rechts gibt es eine weitere Stelle, die interessant aussieht. Hier startet eine Route in einem Kamin. Das muss die Pany sein. Andrés kämpft sich durch den Kamin, hat bald einen Stand gebaut und lässt uns nachkommen. Als nächste mache ich mich auf den Weg. Diesmal habe ich meinen Rucksack im Haulbag verstaut und an ein weiteres dünnes Seil gehängt. Den Sack will ich zwischen mir und Joris nachziehen.

Kamine sind eigentlich eine angenehme Sache zum Klettern – kann man sich doch einfach mit dem Po nach hinten abstützen und mit den Beinen abwechselnd Druck nach vorn gegen die gegenüberliegende Wand ausüben. Ich mag Kamine. Eigentlich. Dieser Kamin erweist sich allerdings als ziemlich glatt. Regen und sicher auch die Vielzahl an Kletterern, die sich hier hochgearbeitet haben, haben die Wände rutschig gemacht. Ich kämpfe und kämpfe. Immer wieder verlieren meine Füße den Halt. Ich werde nervös. Zwar bin ich im Nachstieg. Aber fallen will ich trotzdem nicht. Außerdem ist Joris hinter mir. Und das ist nicht das einzige Problem, mit dem ich kämpfe: Der Haulbag nervt extrem. Ich habe mir das einfacher vorgestellt. An einer geraden Wand kann man das Ding vielleicht nachziehen. Hier in dem Kamin, in einer Route, die um mehrere Ecken geht, komme ich schnell auf den Trichter, dass die Idee mit dem Sack für unsere Situation eine eher dämliche gewesen ist. Okay, Fehler sind dazu da, an ihnen zu wachsen. Wir müssen unsere Erfahrungen halt erst noch machen.

Nach vielen Flüchen komme ich endlich aus dem Kamin heraus und mit mir der dumme Sack. Kurz darauf streckt Joris seinen Kopf ans Tageslicht. Wir sichern uns am Stand, den Andrés gebaut hat. Hier gibt es immerhin wieder einen Haken. Einen für alle. Die erste Etappe von acht oder neun ist nach einer Ewigkeit geschafft.

Wir entheddern erst einmal unseren Seilsalat. Inzwischen haben wir nämlich ein weiteres Problem entdeckt: Die dicken Einfachseile verkrangeln in der Sicherung. Andrés hat sehr zu kämpfen, uns beide zu sichern, während die Seile sich immer weiter verdrehen. Also lösen wir unsere Seilenden vom Gurt, entkrangeln sie und knoten uns wieder ein. Ich nehme Andrés wieder in die Sicherung. Es ist wieder viel zu spät geworden, um heute noch weiterzuklettern. Wir wollen uns aber zumindest noch das nächste Stück ansehen: Leichtes, stark bewachsenes Gelände – maximal in der Schwierigkeit III. Haken gibt es – typisch für die Schwierigkeit – keine. Aber Andrés wird schon etwas finden, wo er ab und zu eine Schlinge legen kann. Nach einiger Zeit kommt er zurück. Der Weg ist richtig. Morgen werden wir hier weiterklettern.

Peñón de Ifach - die Nordseite mit der Pany mittendrin © Maja Christ
Peñón de Ifach – die Nordseite mit der Pany mittendrin

Immerhin haben wir den Einstieg der Route gefunden. Der Anfang wird deutlich schneller gehen. Mit dieser Erkenntnis seilen wir uns einer nach dem anderen ab.

Für die Klettertour ist es zu spät, nicht aber für den Touristenpfad. Also ziehen wir unsere Sandalen an und stiefeln zum Pfad zurück. Der Touristenpfad führt, wie schon erwähnt, durch einen Tunnel auf die andere Seite des Felsens. Der Stein ist hier fast so rutschig wie im Kamin. An der Seite ist ein Stahlseil gespannt, an dem man sich festhalten kann. Auf der anderen Seite des Tunnels führt der Weg dicht am Fels entlang. Er ist schmal. Ich bin froh, dass es auch hier ein Stahlseil gibt, an dem ich mich festhalten kann. Ich frage mich, wer auf die Idee kommt, hier in Flipflops entlangzulaufen. Dann wird der Weg wieder breiter und einfacher zu laufen.

Als wir wieder am Auto ankommen, werfen wir noch einmal einen Blick zurück zum Berg. Es ist zwar nicht der „Capitán“, aber etwas Majestätisches hat er doch. Bis zu unserem Rückflug bleiben uns noch zwei Tage. Morgen werden wir es schaffen. Hoffentlich. Wir werfen erschöpft unsere Klettersachen in den Kofferraum und freuen uns auf einen riesigen Topf Spaghetti mit Tomaten-Meeresfrüchte-Sauce.

Dritter Versuch – Pany

Am dritten Morgen stehen wir mit den ersten Sonnenstrahlen am Fuß der Pany. Wieder fluche ich, als ich den Kamin hinaufrutsche. Eigentlich habe ich erwartet, dass es heute besser klappen würde als am Vortag. Das Gegenteil ist der Fall. Hoffentlich ist es das letzte Mal, dass ich hier durch muss. Der blöde Sack stört genauso wie am Vortag. Wieso habe ich den überhaupt mitgenommen? Joris ist schlauer gewesen – er hat seine wenigen Sachen von Anfang an im Rucksack verstaut.

Endlich sind wir alle am ersten Stand versammelt. Nach einer kurzen Verschnauf- und Seilentkrangel-Pause klettert Andrés weiter. Er kämpft mit dem unwegsamen Gelände, dann ist er verschwunden. Wir rufen nach ihm, bekommen aber keine Antwort. Ihm geht es weiter oben am zweiten Stand genauso: Er ruft nach uns, erhält aber keine Antwort. Nach einiger Zeit zieht er die Seile nach. Wir warten noch etwas. Hat er uns wohl schon in der Sicherung? Da zieht er deutlich am Seil – zum Zeichen, dass wir nachkommen sollen. Also machen wir uns, einer nach dem anderen, auf den Weg. Wir können schnell klettern, schließlich haben wir nur leichtes Gelände zu überwinden. Es dauert aber immer etwas, bis Andrés das Seil nachgezogen hat. So warten wir immer wieder, um nicht zu viel Schlappseil zu haben. Schließlich kommen wir auf einer riesigen Plattform an. Hey, hier kann man ja sogar ein Zelt aufbauen, so viel Platz gibt es hier! Auch die Aussicht ist herrlich.

Dann sehe ich Andrés: Er ist müde vom Vorsteigen, vom langen Stehen und vom Nachziehen der dicken Seile, die inzwischen wieder verkrangelt sind. Außerdem bläst hier oben auf der Nordseite ein kalter Wind. Haben wir auf der Sonnenseite am „Diedro UBSA“ vor zwei Tagen fast einen Sonnenstich bekommen, ist es hier nun bitterkalt. Andrés zittert wie Espenlaub. Joris und ich sichern uns am Stand, obwohl das bei der riesigen Fläche gar nicht nötig erscheint. Ich hole eine Rettungsdecke aus meinem Sack und decke Andrés zu. Dann essen wir alle etwas. So hat der blöde Haulbag uns wenigstens einen guten Dienst erwiesen.

Peñón de Ifach - selbstgebauter Standplatz
Peñón de Ifach – selbstgebauter Standplatz

Dann studieren wir das Topo: Die Route geht direkt über uns weiter, wieder in etwas steilerem Gelände. Dann nach links. Den nächsten Stand können wir allerdings nicht ausmachen. Und jetzt? Noch haben wir Zeit, etwas weiter zu klettern. Auch für einen Rückzug reicht die Zeit bis zur Dunkelheit locker. Nach einer längeren Pause ist auch Andrés bereit, weiter zu klettern. Er kämpft sich die nächste Passage hinauf. Dann kommt er zu einem Vorsprung: „Wo geht es jetzt weiter? Ich sehe keine Haken! Ich bau‘ hier erst einmal einen Stand!“ Mit diversen Bandschlingen um einen dicken Fels baut er einen sicheren Stand. Bohrhaken gibt es hier keine. Joris und ich klettern hinterher und vergleichen die Felsstrukturen mit dem Topo. Warum ist das nur so schwer zu interpretieren? Wo soll es weitergehen? Über uns ist die Wand ziemlich nackt. Andrés klettert etwas hinauf und kämpft sich dann wieder runter. Das ist unmöglich eine „IV“.

Nach einigem Hin und Her und einem Blick auf die Uhr fassen wir den Entschluss, abzubrechen. Wir würden es niemals im Hellen bis zum Gipfel schaffen. Heute nicht mehr. Also bauen wir den Stand bis auf zwei Schlingen ab und seilen uns eine Etappe nach der anderen ab. Uns bleibt noch ein Tag.

Vierter Versuch – Pany

Am vierten und letzten Tag stehen wir erneut vor dem Kamin am Einstieg der Pany. Mich verbindet inzwischen eine Art Hassliebe mit diesem Einstieg. Heute habe ich noch mehr Schwierigkeiten, hier hinauf zu kommen. Den Haulbag habe ich in der Wohnung gelassen. Ich bin lernfähig. Stattdessen habe ich Proviant, Schuhe und Erste-Hilfe-Pack im Rucksack dabei. Die Wasserflasche trage ich am Gurt, ebenso die Kamera. Das macht den Weg durch den Kamin jedoch auch nicht einfacher. Ich fluche und hoffe, dass dies nun endlich das letzte Mal sein wird, dass ich mich hier hoch quälen muss.

Die weitere Passage haben wir schnell hinter uns gebracht. Und dann stehen wir wieder an dem Fels, an dem Andrés am Vortag seinen bunten Stand geschnürt und wir aufgegeben haben. Und wir sind genauso schlau wie Tags zuvor. Immerhin können wir nun die Bandschlingen retten, die wir am Vortag hier gelassen hatten, um uns abzuseilen.

Unter uns kommt eine weitere Seilschaft heran. Sie überholen uns an unserem Zwischenstand, grüßen kurz und queren nach links weiter. Weg sind sie. Jetzt wissen wir immerhin, wo es weitergeht. Wir sehen uns an: „Nichts wie hinterher!“ Bald hat auch Andrés den nächsten Stand erreicht. Da ist ein dicker roter Punkt. Den haben wir am Vortag gar nicht gesehen. Wir bauen den Zwischenstand ab und queren zu ihm. Endlich eine Etappe weiter. Glücklich geht es weiter. Jetzt steil nach oben – wieder durch eine Art Kamin. Die Etappe macht mir Angst. Es ist ziemlich ausgesetzt. Ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen. Andrés verschwindet, nach einiger Zeit klettern wir hinterher. Es geht langsam voran – aber immerhin voran.

Peñón de Ifach - ich in der Pany
Peñón de Ifach – ich in der Pany

Die Route quert wieder nach rechts. Ein neuer Stand. Mit einem dicken roten Punkt. Warum haben wir die roten Punkte vorher nicht gesehen? Es fehlen noch zwei oder drei Seillängen. Andrés macht sich wieder auf den Weg. Er muss immer wieder eigene Sicherungen legen, den Weg suchen. Wieder hat er sich verlaufen, klettert ein Stück zurück und nimmt einen anderen Weg. Es dauert eine Ewigkeit. Die andere Seilschaft ist schon lange nicht mehr zu sehen. Der Wind bläst heftig. Die Verständigung wird dadurch immer schwieriger. Ich rufe nach Andrés: „Wie sieht es aus? Bist Du auf dem richtigen Weg?“ Keine Antwort. Nur die Möwen fliegen um uns herum und scheinen uns wieder auszulachen. Von Andrés hören wir nichts. Ich werde unruhig. Die Sonne steht schon fast am Horizont. Bald wird sie untergehen. Was machen wir, wenn wir im Dunkeln noch hier am Fels sind? Zum Umkehren ist es längst zu spät. Finden wir den Weg auch mit den Stirnlampen? Wo ist Andrés bloß? Wieso gibt er uns kein Zeichen? Wie viele Seillängen fehlen überhaupt noch? Mein Herz beginnt immer mehr zu pochen. Immer wieder drehe ich mich zur untergehenden Sonne. Dann wieder zum Seil, das irgendwo um eine Ecke verschwindet. Endlich zieht er das Seil nach. Oder ist es ihm einfach nur ausgegangen? Nein, es wird ganz eindeutig daran gezogen. Ich schaue Joris an: „Verstehen wir das als ‚Nachkommen‘?“ „Ja“, sagte er. Also bauen wir den Stand ab, schalten die Stirnlampen ein und klettern los, immer dem Seil entlang. Nach einer Weile wird das Gelände leichter, der Bewuchs stärker. Wir müssen fast oben sein! Ja, da steht Andrés! Er hat seinen Stand am Gipfel-Pfosten befestigt und sieht uns glücklich an. Müde, aber glücklich. Erleichtert schließe ich ihn in die Arme und gebe ihm einen Kuss. Ein Gipfelfoto im Dunkeln, Seile zusammenpacken, Kletterschuhe ausziehen. Endlich. Meine Füße schmerzen.

Gipfel des Peñón de Ifach im Dunkeln © Maja Christ
Gipfel des Peñón de Ifach im Dunkeln

Nun kommt der Abstieg. Eine Klettertour ist erst erfolgreich beendet, wenn man wieder heil unten angekommen ist. Das kann ja nicht so schwer sein, wenn hier ständig Flipflop-besessene Touristen herum latschen. Aber wir sind extrem müde. Es ist dunkel. Der erste Weg, den wir einschlagen, entpuppt sich als Sackgasse: Wir stehen mitten im Gestrüpp. Also wieder zurück.

Der Mond bescheint die Steine. Aber einen Weg können wir dennoch nicht ausmachen. Als wir denken, wir hätten endlich den richtigen Pfad, finden wir uns in einer Art Geröll-Lawine wieder. Wir folgen den Steinen dennoch bergab. Nach einer gefühlten Ewigkeit finden wir uns endlich auf dem Weg wieder. Der ist bei der Rutschigkeit der Steine zwar nicht leichter zu laufen, beruhigt meine Nerven aber ungemein. Ich weiß nicht, wie lange es dauert, bis wir endlich am Auto ankommen. Doch irgendwann sitzen wir dann doch erschöpft und glücklich auf dem Sofa in der Ferienwohnung. Mit einem Bier und einem riesigen Teller Pasta. Wir haben es geschafft. Nicht besonders elegant, aber wir sind heil hinauf und wieder hinunter gekommen. Und wir haben einen Grund, wiederzukommen: Der „Diedro UBSA“ muss noch bezwungen werden.

In der Nacht schlafe ich nicht besonders gut. Ich klettere im Traum weiter und habe ständig Angst, aus dem Bett zu fallen, weil ich nicht gesichert bin. Am nächsten Tag packen wir unsere Sachen zusammen und machen noch einen kleinen Ausflug ins Zentrum der Stadt, bevor wir zurück nach Deutschland fliegen.

Ein Jahr später

„Ich hasse diesen Kamin! Ich komme hier nie hoch!“ Es ist ziemlich genau ein Jahr später. Andrés und ich stehen erneut am Einstieg der Pany. Mit Halbseilen, einem klitzekleinen Rucksack und – nicht lachen – Funkgeräten.

Wir haben eine erfolgreiche Klettersaison hinter uns. In diesem Jahr sind wir deutlich mehr als zuvor geklettert: in der Eifel, in Belgien, in der Fränkischen Schweiz und in Südfrankreich. Auch in den Alpen waren wir. Und wir haben deutlich mehr Erfahrung gewonnen. Und als Ziel für den Winter haben wir uns Calpe ausgesucht. Wir haben da noch eine Rechnung offen: den „Diedro UBSA“.

Fortsetzung folgt

*Name von der Redaktion geändert

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