Mit dem Rad zur Arbeit: Wenn der schönste Rückweg der Umweg ist

FahrradWenn der Weg zur Arbeit sehr kurz ist, man aber gerne radelt, dann bietet es sich an, auch mal einen kleinen Umweg zu machen. Wenn ich die Zeit dafür habe, darf dieser Umweg auch mal etwas größer ausfallen, zum Beispiel über das Stuttgarter Bärenschlössle und die Solitude. Den größten Umweg auf dem Weg nach Hause habe ich in meiner Heidelberger Zeit gemacht. Am Ende waren es knapp 100 Kilometer. Unter anderem, weil ich mich mehrmals verfuhr.

Mein Weg zur Arbeit beträgt zu dem Zeitpunkt ohne Schlenker über den Kindergarten gerade mal zwei Kilometer. Mit Kindergarten-Bring- und -Abholwegen komme ich auf sechseinhalb Kilometer. Wenn es regnet, ist so ein kurzer Weg wirklich prima. Aber jetzt ist Sommer. Die Sonne scheint. Wenn das Wetter so herrlich ist und die Kinder die Ferien bei den Großeltern verbringen, kann man auf dem Rückweg durchaus mal einen größeren Schlenker einlegen, denke ich mir.

Ladenburg

Ladenburg
Ladenburg: Hexenturm

Ich schnappe mir mein GPS-Gerät und packe eine kleine Sonnencreme-Tube, Sonnenbrille, Wasserflasche, einen Müsliriegel für den Notfall und eine Fahrradkarte in meine Fahrradtasche und mache mich nach der Arbeit nicht auf den Weg nach Hause, sondern auf den Weg Richtung Norden. Die Strecke durch die Felder ist schön. Ein festes Ziel habe ich noch nicht.

Zunächst führt mich mein Weg nach Ladenburg. Die Stadt blickt auf eine lange Geschichte zurück: Schon die Römer haben hier gesiedelt, der Weg der alten Römerstraße ist auf den Feldern aus der Luft heute noch zu sehen. Ich fahre durch die mittelalterliche Altstadt, vorbei am Hexenturm und Martinstor, das auch Wormser Tor heißt. Worms? Das wäre doch ein schönes Ziel. Ist auch gar nicht so weit weg.

Käfertaler Wald und Lampertheimer Forst

Also geht es weiter durch die Felder Richtung Mannheim Vogelstang. Ich finde mit einigem Hin und Her einen Weg über die A6 und durch die Mannheimer Vororte. Die Sonne brennt heiß vom Himmel. Endlich erreiche ich den Käfertaler Wald und damit etwas Schatten. Trotz GPS-Gerät und Karte verpasse ich eine Abzweigung, die mich auf dem direkten Weg nach Lampertheim bringen würde. So radle ich fast wieder bis Viernheim zurück. Egal, denke ich mir. Ich habe keine Eile. Der Weg ist das Ziel. Endlich erwische ich eine Abzweigung Richtung Lampertheim. Der Weg führt an einer riesigen Schneise entlang, die eine Strom- und eine Gasleitung beherbergt. Die knapp 100 Meter breite Trasse kenne ich vom Vorbeifahren mit dem Auto: Von der Autobahn am Viernheimer Dreieck sieht man sie gut. Fast fünf Kilometer führt mich der Weg an der Trasse entlang durch den Wald. Immer wieder Hinweisschilder auf die Gasleitung. Ich bin ganz alleine hier, treffe keine Menschenseele. Fast surreal kommt mir dieser Weg gerade vor.

Bald erreiche ich Lampertheim. 30 Kilometer bin ich bereits gefahren. Dann müsste ich ja auch gleich in Worms sein, denke ich. Weit gefehlt. Es fehlen noch mehr als 10 Kilometer. Wieder durch die Felder, in der prallen Sonne. Der Weg, den ich auswähle, führt zwar zum Rhein, aber nicht zur Brücke hinauf. Die Stadt liegt auf der anderen Rheinseite.

Worms

Niebelungentor
Worms: Niebelungentor

Etwas geschafft stehe ich irgendwann auf der Nibelungenbrücke. Schön sieht der Turm aus, eines der Wahrzeichen der Stadt. Herrlich ist auch der Blick über den Rhein. Auch den Dom kann man von hier aus sehen. Nach einer kleinen Verschnaufpause geht es weiter. Wenn ich schon hier bin, kann ich ja den Flugplatz besuchen. Vielleicht treffe ich Petra und Andreas, die Betreiber der Flugschule, bei der ich meinen Flugschein gemacht habe und bekomme einen Kaffee. Meine Wasserflasche muss ich auch dringend auffüllen.

Am Flugplatz ist es ruhig. Es ist Dienstag. Unter der Woche ist hier deutlich weniger Betrieb als am Wochenende. Petra ist tatsächlich da. Auch einer der Fluglehrer, der die Zeit zwischen zwei Flugstunden im Schatten sitzend zum Entspannen nutzt. Ich freue mich über eine Tasse Kaffee, einen Gartenstuhl und ein riesiges Glas Wasser. Nach 45 Kilometern im Sattel tut mir die Pause gut. Ob ich für den Rückweg die Bahn nehme? Ja, bestimmt. Ich bin vollkommen erledigt. Obwohl, wenn ich den richtigen Weg finde, sind es bestimmt weniger als 40 Kilometer. Und ich kann ja immer noch zwischendrin in die Bahn umsteigen.
Also bedanke ich mich für die Erfrischung, verabschiede mich und schwinge mich wieder auf den Sattel meines Fahrrades.

(K)Ein Weg auf die andere Rheinseite

Ich fahre nach Süden Richtung Bobenheim-Roxheim. Mein Ziel ist die Theodor-Heuss-Brücke, die auch die A6 über den Rhein führt. In der Mitte ist ein Fahrradweg. Ich bin schon einmal darüber gefahren, von der anderen Seite kommend. Abenteuerlich war es, mit der Autobahn rechts und links. Aber um dorthin zu gelangen, muss ich zunächst auf die andere Seite der Bundesstraße 9 und näher an den Rhein kommen. Die erste Möglichkeit verpasse ich. Die zweite Möglichkeit ist gesperrt. Das merke ich, als ich mitten in einer Baustelle stehe und die Bauarbeiter mich anmaulen, was ich da mit meinem Fahrrad zu suchen hätte. Ich muss fast zwei Kilometer wieder zurück.

Bruecke
Leider verpasst: Theodor-Heuss-Brücke

Nun erreiche ich zwar die A6 und eine Unterführung, aber viel westlicher als geplant. Zum Rhein fehlen noch zwei oder drei Kilometer. Und ich finde partout keinen Weg durch die Siedlungen, der mich zur Brücke führt. Irgendwann bin ich in Oppau. Zwischen Rhein und mir liegt inzwischen die BASF. Unpassierbares Gelände. Also kapituliere ich und folge dem Weg entlang der BASF sechs Kilometer weiter in südliche Richtung.

Mannheim

Mannheimer Wasserturm
Mannheim: Wasserturm

Endlich sehe ich den Rhein. Auf nach Mannheim und durch die Quadrate. Mein nächstes Ziel ist der Neckar. Vorbei am Mannheimer Wasserturm, am Planetarium, am Luisenpark und am Flughafen finde ich jedoch keinen Zugang zu einem Weg, der mich am Fluss entlang führen würde.

Kurz vor Seckenheim ist eine Straße gesperrt. Das zwingt mich zu einem erneuten Umweg. Leider verpasse ich dadurch die letzte Überquerungsmöglichkeit des Neckars, die mir einen weiteren Schlenker erspart hätte. Und wieso bin ich jetzt in Mannheim-Friedrichsfeld? Ich bin kurz davor, eine S-Bahn-Station zu suchen. Komme sogar fast an einer vorbei. Aber jetzt aufgeben? Ich kann ja Heidelberg schon sehen. Also weiter. Der Ehrgeiz siegt.

Endspurt

Luftlinie nach Hause sind es nun noch vier Kilometer, aber fahren muss ich über die nächste Brücke in Heidelberg. Mehr als doppelt so weit. Meine Beine haben beschlossen, dass sie langsam etwas geschafft sind und gerne irgendwo hochgelegt werden möchten. Ich kann sie überzeugen, die letzten Kilometer durchzuhalten. Durch Heidelberg-Wieblingen, über den Wehrsteg und das Uni-Gelände erreiche ich etwas erschöpft den Norden der Stadt.

Fast 100 Kilometer bin ich gefahren. Für einen kleinen Umweg, um den Weg von der Arbeit nach Hause etwas zu verschönern, nicht schlecht. Schön war es auf jeden Fall.

mdrza
„Kleiner“ Abstecher nach der Arbeit
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2 Kommentare zu „Mit dem Rad zur Arbeit: Wenn der schönste Rückweg der Umweg ist

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