Fliegen mit Kleinkindern

KinderIch fliege gerne. Kleine Flugzeuge, bei denen ich am Steuer sitze. Auch gerne mit meinen Kindern. Manchmal fliege ich auch mit großen Flugzeugen. Hinten zwischen mehreren 100 anderen Passagieren. Meist gehen diese Flüge nach Nordamerika. Inzwischen fliege ich auch da wieder gerne mit meinen Kindern hin. Weil sie schon so groß sind, dass man zwölf oder mehr Stunden mit ihnen in einem Flugzeugrumpf verbringen kann, ohne durchzudrehen. Als sie noch klein waren, war das anders.

Seid ihr schon mal alleine mit einem Baby und einem quirligen Kleinkind mitten in der Trotzphase geflogen? Ich schon. Und das war furchtbar. Damals. Inzwischen kann ich schon wieder darüber lächeln.

Hier also meine Geschichte

Mein „Großer“ – ich nenne ihm jetzt mal Jakob – ist zweieinhalb Jahre alt. Mein „Kleiner“ – den nenne ich mal Anton – ist sechs Monate alt. Im Prinzip ist es eine schöne Idee: Einen Monat Urlaub bei meinen Schwiegereltern. Dem ein oder anderen sträuben sich jetzt möglicherweise die Nackenhaare. Aber meine Schwiegermutter ist die beste Schwiegermutter der Welt. Echt jetzt. Außerdem haben meine Schwiegereltern ein Weingut mit dem leckersten Rotwein, den ich kenne. Also: ein Monat Entspannung pur. Eigentlich … Aber leider wohnen meine Schwiegereltern nicht gerade in der Nähe, sondern in Niederkalifornien. Es ist also ein langer Flug dorthin.

Als wir das erste Mal mit Jakob nach Kalifornien flogen, war er ein Jahr alt. Ein schönes Alter zum Fliegen: schon ein bisschen mobil, um im Flugzeug umher zu laufen. Aber auch noch klein genug, um ihn zum Schlafen bewegen zu können. Wegen der Weihnachtszeit hatten wir unter den bezahlbaren Flügen nur noch einen Flug mit fünfstündigem Aufenthalt in Amsterdam auf dem Hin- und fünfstündigem Aufenthalt in Paris auf dem Rückflug bekommen. Wir hätten damals fast das Flugzeug verpasst. Und fünf Stunden Zwischenaufenthalt sind mit Kleinkind echt ätzend! Auf dem Rückflug hatte sich die Fluggesellschaft geweigert, uns in Paris unseren Buggy auszuhändigen. Und so waren wir fünf Stunden mit einem müden Kind auf dem Arm auf dem Flughafen herumgeirrt.

Dazu kommt: Ein einjähriges quirliges Kind vereinfacht das Essen an Bord nicht gerade. Es ist nicht möglich, mit Kind auf dem Schoß den Tisch hinunter zu klappen. Mit einem Jahr war Jakob zu schwer für das Babybett. Und auf dem Boden spielen durfte er auch nicht: Fluchtweg.

Diesmal wird alles besser

Doch zurück zu dem Flug mit Baby und Kleinkind. Es soll ja diesmal alles besser werden. Ich bin lernfähig. Da ein Flug nach Kalifornien mitten im Sommer nicht ganz billig und für zwei kleine Kinder auch mit Strapazen verbunden ist, soll der Urlaub nicht zu kurz werden. Mein Mann hat eine Konferenz in Kanada, kann sich aber nicht so lange frei nehmen. Ich bin noch in Elternzeit und soll mit den Kindern einfach vorausfliegen.
Ich mache mir ein wenig Sorgen, ob ich das schaffe. Alleine mit den zwei Kindern? Mein Mann beruhigt mich. „Du machst dir immer schon im Vorfeld viel zu viele Gedanken. Das klappt schon!“ Er hat ja recht. Jakob wird diesmal einen eigenen Sitzplatz bekommen. Für Anton werde ich ein Babybettchen organisieren. Leicht genug ist er noch.

Aber schon die Buchung des Fluges erweist sich als schwierig. Es ist Hauptsaison. Außerdem ist da der feste Termin der Konferenz, um den alle Flüge herum gelegt werden müssen. Und da sollen wir einen bezahlbaren Flug bekommen? Wir sitzen im Reisebüro und verlieren immer mehr die Hoffnung auf eine bezahlbare Lösung. Dazu kommt: Mit einem quengelnden Säugling auf dem Arm kann ich mich nicht konzentrieren. Andere Mütter können das prima, mit einem Dreijährigen in einem ausgewachsenen Trotzanfall und einem schreienden Säugling, der dringend gestillt werden möchte und die Windeln voll hat, gemütlich mit der Freundin zu telefonieren oder geistreiche Gespräche an der Kasse zu führen. Ich gehöre nicht zu diesen Müttern.

Aber die Dame vom Reisebüro ist so freundlich, uns alleine einen Flug herauszusuchen. Ich soll schon einmal nach Hause gehen. Was ich tue – und noch am gleichen Nachmittag bereue, als mein Mann freudestrahlend mit den Tickets nach Hause kommt: Die Dame vom Reisebüro hat sich wirklich Mühe gegeben und einen relativ günstigen Flug gefunden. Bei genauerem Betrachten der Details fange ich das zweite Mal an, mir Sorgen zu machen: Der Flug geht morgens um 7 Uhr vom Flughafen Frankfurt los. Erster Zwischenstopp: Amsterdam. Nach einem Aufenthalt von nur 40 Minuten geht es nach Chicago. Wenn man das Gefühl hat, schon fast da zu sein – schließlich ist man ja schon in den USA – fliegt man noch einmal fast fünf Stunden weiter nach San Diego. Meine erste Reaktion: „Ihr spinnt. Das geht nicht. Ich bin doch mit den beiden Kindern ganz alleine! So früh. Da müssen wir doch drei Stunden vorher am Flughafen sein. Das heißt, dass wir um drei Uhr morgens aus dem Haus müssen. Und in 40 Minuten kommt man in Amsterdam kaum von einem Gate zum anderen!“

Ich kenne Amsterdam Schiphol. Ich musste da schon einmal mit Zeitdruck den Anschlussflieger bekommen. Und musste rennen. In Chicago hatte ich damals wegen der Schlangen bei der Passkontrolle meinen Anschlussflug nach Illinois verpasst. Obwohl ich allein unterwegs gewesen war. Und nur mit einer Handtasche bepackt. Aber mit zwei Kindern? Mit Wickeltasche, Spielsachen und Buggy? Und wenn dann Jakob einen seiner Wutanfälle hat? Und wenn der Flieger verspätet ist? Ahhh! „Du übertreibst“, sagt mein Mann. „Immerhin musst Du nicht fünf Stunden warten. Mach Dir doch nicht schon im Vorfeld Sorgen über Dinge, die gar nicht eintreten müssen.“ Habe ich das nicht schon mal gehört? „Und wir machen einfach einen Vorabend-Check-In, dann müssen wir auch nicht so früh los.“

Ja, ich gebe zu: Ich mache mir zu schnell Gedanken über Dinge, die gar nicht eintreten müssen. Das wird alles prima klappen. Wie viel Zeit in Chicago? Zwei Stunden? Mit Pass- und Koffer-Kontrolle und Terminal-Wechsel? Das heißt: auch rennen. Aber man soll doch die Dinge erst einmal auf sich zukommen lassen und nicht im Vorfeld schon Panik schieben. Oder?

In den kommenden Wochen plane ich den Flug. Ich besorge Pässe für die Kinder, mit biometrischen Passbildern und allem Drum und Dran. Ein biometrisches Passbild bei einem Baby machen zu lassen, ist übrigens sehr lustig.

Ich kümmere mich um die nötigen Formalitäten der Einreise in die USA. Bestücke die Reiseapotheke und lese die Bestimmungen zur Mitnahme von Babynahrung im Flieger. Da kommen mir weitere Bedenken: Man mag es in den Staaten nicht so gerne, wenn eine Mutter in der Öffentlichkeit stillt. Anton ist jedoch stur: Fläschchen akzeptiert er nicht. Also lerne ich, mehr denn je diskret zu stillen. Das zweite Problem betrifft ebenfalls die Nahrung: Man darf zwar Babygläschen für den Flug mitnehmen. Die müssen jedoch original versiegelt sein. Das wäre kein Problem, würde Anton Fertignahrung essen. Tut er aber nicht. Höchstens Obstbrei. Aber Gemüsebrei? Keine Chance. Den verweigert er von jeder erdenklichen Marke (und ich habe viele getestet). Er bleibt stur bei meinem selbst gekochten Brei. Bisher fand ich das immer toll. Aber für den Flug wird es nun zum Problem. Ich werde mir etwas überlegen müssen.

Damit ich auf jeden Fall einen der beliebten Plätze in erster Reihe bekomme, um ein Babybettchen aufhängen zu können, kümmere ich mich so frühzeitig wie möglich um die Reservierung der Sitzplätze. Leider muss ich erfahren, dass diese Reihen schon seit Monaten ausgebucht sind. Der Mann von der Fluggesellschaft versichert mir jedoch, dass es Babybettchen gibt, die zwischen den Sitzen aufgestellt werden könnte. Ob ich so ein Bettchen zu bestellen wünsche? Ich bejahe und frage mich: Wo soll zwischen den engen Reihen Platz für ein solches Bettchen sein?

Ein Tag vor dem Abflug

Dann kommt der Tag vor dem Abflug. Ich habe gepackt. Für alle Eventualitäten. Sogar Zäpfchen gegen Übelkeit habe ich im Gepäck – man weiß ja nie bei Kindern. Für den Fall der Fälle stecke ich auch eines der Zäpfchen ins Handgepäck. Falls Jakob schlecht werden sollte, was ich aber nicht glaube.

Als mein Mann endlich von der Arbeit kommt, sitze ich schon lange nervös auf den Koffern. Die Fahrt zum Flughafen dauert etwa eine Stunde. Jakob müssen wir zehnmal erklären, dass wir jetzt zwar zum Flughafen fahren, aber trotzdem zu Hause schlafen und erst morgen fliegen werden. Er freut sich riesig auf den Flug. Immer wieder nickt er ein und wenn er aufwacht, fragt er: „Mama, ist jetzt morgen? Fliegen wir jetzt?“

Beim Check-In bekomme ich kurzfristig eine Krise: Der Flug nach Amsterdam wird von einer anderen Fluggesellschaft durchgeführt als die Anschlussflüge. Die beiden Gesellschaften sind noch nicht einmal in einer Allianz. Ich wusste gar nicht, dass man so eine Konstellation in einem Ticket buchen kann. Jakob bekommt seine Bordkarte. Ich nicht. Die kann man mir nur für den ersten der drei Flüge ausstellen. Weil das Baby mit auf mein Ticket gebucht ist. In Amsterdam soll ich mich einfach an den nächsten Serviceschalter der weiterführenden Fluggesellschaft wenden. Langsam werde ich nervös. 40 Minuten Aufenthalt.

Bis wir endlich im Bett liegen, ist es nach Mitternacht. Es dauert ewig, bis ich endlich einschlafe. Wieso bin ich so aufgeregt? Ich bin doch schon unzählige Male nach Amerika geflogen.

„Mama …!“ Hmm? Was? Habe ich überhaupt schon geschlafen? Verschlafen greife ich meinen Wecker: 3 Uhr. „Maammmaa!“ Was hat Jakob denn jetzt? Ich will noch schlafen. Er steht schon an unserem Bett: „Mama, mir ist schlecht …“, sagt er noch, dann übergibt er sich direkt auf unseren Bettvorleger. Das ist jetzt nicht wahr, oder? Wir kümmern uns um Jakob, den Bettvorleger und sein Bett, das auch schon etwas abbekommen hat. Holen einen Eimer und legen ihn zu uns ins Bett. „Das ist sicher nur die Aufregung“, sagt mein Mann. „Er schläft jetzt bestimmt noch ein bisschen. Solltest Du auch, schließlich ist morgen ein anstrengender Tag für Euch.“

An Schlaf ist jedoch nicht mehr zu denken: Jakob übergibt sich im Halbstunden-Takt. Und die Anti-Übelkeitszäpfchen sind in Frankfurt im Gepäck. Bis auf eins. Die Notreserve. Also muss ich am Flughafen unbedingt noch eine Apotheke ausfindig machen. „So kann der Arme doch nicht fliegen!“ jammere ich. „Was machen wir denn jetzt? Greift da nicht die Reiserücktrittsversicherung? Nein??? Warum haben wir dann eine, wenn die sowieso nicht hilft, wenn man sie braucht?“

Erste Etappe: Heidelberg – Frankfurt – Amsterdam Schiphol

5 Uhr. Mit weniger als drei Stunden Schlaf kochen wir einen starken Kaffee. Ich habe die Hoffnung, dass ich zumindest eine Illusion von Wachsein erfahren werde. Anton ist „not amused“, als wir ihn wecken. Auf der Fahrt nach Frankfurt muss sich Jakob weiterhin regelmäßig übergeben. Ich schließe die Augen und schüttle den Kopf: „Das fängt ja gut an …“ Am Flughafen angekommen, verpassen wir dem armen Kerlchen sein Zäpfchen.
Natürlich sind wir spät dran. Irgendwie hat alles wieder länger gedauert als erwartet. Also müssen wir uns sputen. Nach einer Apotheke kann ich nicht mehr suchen, wir müssen dringend durch die Sicherheitskontrolle. Dahinter gibt es sicher auch noch eine Apotheke, denke ich. Also verabschieden wir uns. „Ich werde Dich vermissen, mein Schatz!“ „Ich Dich auch!“ Ein letzter Kuss, dann übernehme ich den Buggy. In dem liegt der kranke Jakob – vollbepackt mit Wickeltasche und seinem Kindertrolley. Anton sitzt im Tragetuch und schaut sich neugierig um.

Die Sicherheitskontrolle passieren wir relativ unproblematisch. Es ist zwar etwas anstrengend, sich und einem Zweijährigen mit Baby im Tragetuch die Schuhe aus- und wieder anzuziehen. Nach langer Flugerfahrung fliege ich aber nur noch mit Sandalen. Wir schauen uns nochmals um und winken. Auf in Richtung Abflughalle. Das Zäpfchen scheint gut zu wirken. Jakob wird wieder munter. Aber eine Apotheke für Nachschub finde ich nicht. „Nein, hier drinnen gibt es keine, die ist draußen vor der Sicherheitskontrolle.“ Mist, zu spät. Es muss so gehen.

Endlich dürfen wir einsteigen. Jakob ist total aufgeregt. Ich erkläre ihm alles. Stolz sitzt er auf seinem Fensterplatz. Ich korrigiere: Stolz steht er auf seinem Fensterplatz. „Setz‘ dich bitte hin, mein Schatz, wir müssen uns gleich anschnallen“, ermahne ich ihn. Die Stewardess drückt ihm ein Malbuch und Anton ein kleines Kuscheltier in die Hand. Damit sind sie immerhin ganze zehn Minuten beschäftigt. Dann stellt Jakob sich wieder hin, um aus dem Fenster zu sehen. Sitzend sieht er nichts. Ich ermahne ihn erneut. Das Flugzeug rollt inzwischen los. Irgendwann lässt Jakob sich doch überzeugen, sitzen zu bleiben. Zumindest, bis das Flugzeug in der Luft ist. „Schau mal, Jakob. Wenn das Licht mit den Gurten da oben ausgeht, darfst Du Dich wieder abschnallen“, sage ich. Auf dieses Licht mit den Gurten werde ich in den folgenden Stunden noch sehr oft hinweisen.

Das Essen kommt, aber Jakob hat verständlicherweise keinen Hunger. Lieber will er wieder aufstehen. Immerhin wirkt das Zäpfchen noch. Ich habe keine Lust, die Tütchen, die immer im Vordersitz stecken, ausprobieren zu müssen. Vielleicht finde ich ja in Amsterdam eine Apotheke für Nachschub. Denn der lange Flug kommt ja noch. Ich korrigiere: die beiden langen Flüge. Aber der Flieger landet mit Verspätung. Mir werden nur 30 Minuten bleiben, den Flugsteig zu suchen sowie Bordkarte und Medizin zu organisieren. Vielleicht müssen wir ja gar nicht so weit laufen. Und ich kann ja rennen, wenn ich Jakob wieder in den Buggy setze. Das wird schon.

Als wir endlich ausgestiegen sind und Anton im Tragetuch verstaut ist, frage ich, wo ich meinen Buggy bekomme. Vorne, am Wartesaal, heißt es. Dort warte ich zusammen mit einer anderen Mutter, die mit ihrem Baby unterwegs ist. Ich nutze die Zeit, um am Schalter zu erfragen, wo ich meine Bordkarte bekomme und zu welchem Flugsteig ich gehen muss. „Na ja, das hier ist A, Sie müssen zum Flugsteig G am anderen Ende des Terminals. Da brauchen Sie mindestens 20 Minuten. Nein, Ihre Bordkarte kann ich Ihnen hier leider nicht ausstellen, das ist doch eine ganz andere Fluggesellschaft. Ja, da müssen Sie sich an einen Schalter am Flugsteig G wenden. Aber da würde ich mich an Ihrer Stelle langsam etwas beeilen! Ihr Flieger geht in 20 Minuten.“

Langsam werde ich nervös. Mein Buggy kommt einfach nicht. Warum dauert das so lange? Jakob läuft umher, zupft an meinem Ärmel und ruft immer wieder: „Mamaaa …“ „Ja, mein Schatz, gleich, ich muss das hier nur eben noch klären. Musst Du Pipi?“ „Maammma …“ „Was mache ich denn jetzt mit dem Buggy?“ „Ja, da kümmern wir uns schon drum“, entgegnet die Flugbegleiterin, „laufen Sie mal lieber zu Ihrem Flieger, sonst fliegt der ohne Sie.“ „Maammma …“ – „Danke“, kann ich gerade noch zur Flugbegleiterin sagen. Dann erbricht sich Jakob auf den Boden mitten vor dem Wartebereich. Das ist alles nur ein böser Traum, denke ich.

Ein Passagier springt sofort auf und sagt: „Kommen Sie, versuchen Sie mal, Ihren Flieger zu erreichen, wir kümmern uns schon darum.“ Er zeigt auf die Bescherung am Boden. „Vielen, vielen Dank!“ rufe ich, schnappe mir einen Gepäckwagen, setze Jakob darauf und renne los. Wie man eben mit Baby im Tragetuch und Kind auf dem Gepäckwagen laufen kann. Zum Glück hält mich niemand an. Es ist sicherlich nicht gestattet, sein Kind im Dauerlauf auf einem Gepäckwagen zu transportieren.

20 Minuten später erreiche ich etwas aufgelöst meinen Flugsteig. Vor mir warten mindestens 100 oder 200 andere Passagiere vor einer erneuten Sicherheitskontrolle. Klar: Wir fliegen in die USA. Ich greife mir den ersten Mitarbeiter, den ich erwische, und es sprudelt mit letzter Puste in Englisch aus mir heraus: „Ich habe noch keine Bordkarte, mein Flieger geht gleich, was mache ich denn jetzt? Können Sie mir helfen? Ich muss doch meinen Flieger kriegen! Ich bin gerade über den gesamten Flughafen gerannt. Meinem Kind geht es nicht gut vom Flug“ „Keine Sorge, Madam, ich helfe Ihnen, kommen Sie her, ich helfe Ihnen.“ Es stellt sich heraus, dass der Typ mir nicht wirklich helfen will. Stattdessen muss ich eine ganze Menge Fragen über mein Gepäck beantworten. Ja, ich habe es selbst gepackt. Ja, das sind meine Koffer. Nein, ich habe für niemanden etwas dabei. Ich schaue auf die Uhr. Wen ich besuchen will? Meine Schwiegereltern. So geht das ewig. Dass er nur seinen Security Check machen will, wird mir endgültig bewusst, als er sagt: „Vielen Dank, Madam, jetzt gehen Sie bitte dort durch das Tor und leeren Ihre Taschen aus. Und drinnen erzählen Sie denen einfach noch mal alles, was Sie mir gerade erzählt haben, dann helfen die Ihnen schon.“
Ich schaue ihn entgeistert an, renne zum nächsten Sicherheitsbeamten und versuche herauszufinden, ob mein Gate schon schließt. Ich sehe nur noch zwei Mitarbeiter vom Bodenpersonal und einen letzten Passagier. Arghhh! Immerhin muss ich das Tragetuch nicht abwickeln und Anton heraus holen. Der ist noch erstaunlich ruhig. „Nein, das Wasser dürfen Sie nicht mit an Bord nehmen!“ „Wie bitte? Das habe ich doch hier auf dem Flughafen aufgefüllt! Das ist Leitungswasser. Ich bin doch schon durch eine Sicherheitskontrolle durchgekommen.“ „Nein, tut mir leid, Madam. So ist die Bestimmung!“ „Aber das ist doch für das Kind!“ „Wollen Sie nicht Ihren Flieger bekommen?“ Also trenne ich mich schweren Herzens von Jakobs Wasserflasche. Antons Babyflasche dürfen wir behalten. Die mit dem gleichen Wasser gefüllt ist …

Ich renne weiter zum Schalter. „Ah, auf Sie haben wir schon gewartet! Wir wollten gerade Ihre Koffer wieder aus dem Flugzeug herausholen. Na, jetzt beruhigen Sie sich doch erst einmal. Sie haben es ja geschafft. Hier ist Ihre Bordkarte.“ Puuuhhh, denke ich. Ich habe den zweiten Flieger tatsächlich erreicht.

Zweite Etappe: Amsterdam Schiphol – Chicago O’Hare

Wir haben einen Platz in der Mitte bekommen. Da alle anderen Passagiere schon vor mir eingestiegen sind, sind die Gepäckfächer bei unseren Plätzen bereits voll. Ich versuche, auf die Schnelle das Nötigste für die nächsten Stunden herauszusortieren: Antons Babygläschen, seine Wasserflasche, Malsachen, Spielzeug, Bücher, Kaubonbons, noch mehr Spielzeug. Während ich die Taschen in ein Gepäckfach in meiner Nähe stopfe, hüpft Jakob auf seinem Sitz herum. „Setz Dich bitte hin, Jakob“, ermahne ich ihn. Er ignoriert mich und hüpft weiter. Es geht ihm wieder besser. Immerhin. Vielleicht können wir den weiteren Flug ja ohne Zwischenfälle hinter uns bringen. Inzwischen hat Jakob bemerkt, dass hinter ihm zwei (deutlich ältere) Kinder sitzen. Er versucht, ihre Aufmerksamkeit zu bekommen, indem er sich immer wieder hinter dem Sitz versteckt und dann laut schreiend aufspringt. „Madam, können Sie bitte Ihr Kind anschnallen?“ fragt mich die Flugbegleiterin. „Ja, natürlich! – Jakob, komm, wir starten gleich, setz Dich jetzt und lass Dich mal anschnallen.“ Immerhin setzt er sich und lässt sich anschnallen. Endlich kann ich mich und Anton auch bequemer hinsetzen.

Langsam rollt das Flugzeug los. Jakob versucht, wieder aufzustehen. „Ich will raus gucken!“ „Spatz, das geht jetzt leider nicht, wir sitzen in der Mitte, da kann man jetzt nicht einfach zum Fenster rausgucken. Aber nachher, wenn wir in der Luft sind, kannst Du bestimmt mal irgendwo raussehen.“ „Mama, ich WILL raus gucken!“ „Oh schau mal!“ rufe ich, um ihn abzulenken und zeige ihm die Beschreibung der Sicherheitshinweise, die im Sitz steckt. Er entdeckt eine Zeitschrift und ist für die nächsten fünf Minuten beschäftigt. Wir sind noch nicht in der Luft, da entdeckt er, dass er mit seinen Füßen prima gegen den vorderen Sitz treten kann. Was er nun ausgiebig ausprobiert. Unser Vordermann schaut mich irritiert an und ich entschuldige mich ausführlich für das Verhalten meines Kindes.

Wir sind noch im Steigflug, als Jakob sich wieder abschnallt und auf den Sitz stellt. Mir ist es gerade egal. Solange niemand meckert. Ich bin hundemüde und hoffe, dass ich irgendwann eine ruhige Minute zum Schlafen bekomme. Vielleicht schlafen die Kinder ja noch einmal. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Das Mittagessen kommt. „Sie hatten ein Kindermenü bestellt?“ „Ja, danke! – Schau mal Jakob, das sieht ja lecker aus!“ sage ich mit einem zweifelnden Unterton. Ja, wir sind auf einem Flug in die USA. Ausgewogenes Kinderessen sieht anders aus. Egal. Jakob isst nur den Nachtisch. Irgendein pappiges süßes Zeug, von dem ich gar nicht genau wissen will, was es ist. „Mama, ich will aufstehen!“ „Spatz, das geht gerade noch nicht. Wir warten, bis die Tabletts weg sind“, sage ich. Aber es ist nichts zu machen. Mein Sohn lässt sich nicht mehr halten. Also lasse ich ihn den Gang erkunden und gehe mit Anton auf dem Arm hinterher.

Der Flug dauert ewig. Jakob langweilt sich. Immer wieder macht er irgendeinen Quatsch. Anton wird langsam müde. Also frage ich die Stewardess nach dem Babybettchen. „Hier können sie kein Babybettchen hinstellen. Das geht nur da vorne“, sagt sie. Ich schaue sie perplex an: „Ja, aber am Telefon hieß es doch, ich könnte eins haben.“
„Ja, aber nicht auf Ihrem Platz. Wie stellen Sie sich das denn vor? Das passt hier doch gar nicht hin!“ Die Stewardess ist sichtlich genervt. Ich ebenso. Es war mir gleich komisch vorgekommen, dass man mir für diesen Platz ein Babybett angeboten hat. Aber wieso hatte der Typ am Telefon das behauptet?

Also versuche ich, mein Baby auf dem Schoß zum Schlafen zu bewegen. Das geht solange gut, wie Jakob auf seinem Platz sitzen bleibt. Also ungefähr 10 Minuten.

Stunden später erreichen wir Chicago. Ohne Buggy mache ich mich auf den Weg zur Passkontrolle. Jakob ist todmüde. Er hat nicht eine Minute geschlafen. Nun rennt er wie ein Irrer in der Gegend herum. Als ich bei der Kontrolle ankomme, ist dort eine unglaublich lange Schlange. In einer Stunde soll mein Weiterflug starten. Am anderen Terminal. Dazu müssen wir mit dem Shuttle noch eine Weile fahren. Ich spreche einen Mitarbeiter an. „Excuse me, Sir. Mein Flug geht gleich und meine Kinder sind todmüde. Haben Sie nicht einen Schalter für allein reisende Mütter mit Kleinkindern?“ „Nein, Madam, stellen Sie sich bitte wie alle anderen hier an.“ „Bitte, Sir, ich verpasse meinen Anschlussflug. Kann man da nichts machen?“ Nein, kann man nicht. Nun wird auch der Mitarbeiter gereizt. Irgendwann bin ich dann doch an der Reihe, zeige meinen Pass, kann meine Koffer holen und durch die Sicherheitskontrolle bringen und das Terminal wechseln. Rennend und ziemlich aufgelöst erreiche ich die Sicherheitskontrolle am anderen Terminal. Immerhin lässt mich eine Mitarbeiterin mitfühlend vor. Ich renne ein zweites Mal mit meinen Kindern zu unserem Flugzeug.

Dritte Etappe: Chicago O‘Hare – San Diego International Airport

Vollkommen fertig sitze ich kurze Zeit später im letzten Flugzeug für diesen Tag. Ich habe es tatsächlich rechtzeitig erreicht. Für uns ist es bereits weit nach Mitternacht. Jakob ist dementsprechend überdreht. Er will unbedingt ans Fenster, obwohl wir Gangplätze haben. Die Amerikanerin, die am Fenster sitzt, überlässt uns jedoch gerne ihren Platz. „Thank you so much!“, bedanke ich mich bei ihr. Es folgt das gleiche Spiel wie beim Flug zuvor. Nur dass Jakob jetzt noch schlechter auf mich hört, weil er so übermüdet ist. Er will sich nun gar nicht mehr hinsetzen. Dann will er durch den Gang laufen und versucht, über mich hinüber zu klettern. Dabei sind wir noch nicht einmal gestartet. Die Stewardess weist uns darauf hin, dass wir uns bitte endlich anschnallen sollen.

Ich versuche immer wieder, Jakob dazu zu bewegen, sich hinzusetzen. Immerhin ist Anton schnell eingeschlafen und liegt friedlich auf meinem Arm. Er wird jedoch jäh aus seinen Träumen gerissen. Sein Bruder hat sich bei dem erneuten Versuch, trotz meines Neins über mich zu krabbeln, um in den Gang zu gelangen, auf ihm abstützt. Anton findet das gar nicht lustig und fängt an, fürchterlich zu brüllen. Ich bin vollkommen erledigt. Die übrigen Passagiere schauen uns missmutig und kopfschüttelnd an. Jakob versucht wieder, über mich zu krabbeln. Nun werde auch ich laut. Die Amerikanerin neben mir fragt einfühlend, ob sie mir Anton abnehmen soll, damit ich mich um Jakob kümmern kann. Der weint inzwischen ebenfalls lauthals. Ich nehme das Angebot dankend an. Anton findet es zunächst überhaupt nicht lustig, an eine Fremde abgegeben zu werden. Er schreit und schreit. Aber irgendwann beruhigt er sich. Also nehme ich Jakob in den Arm und tröste ihn.

Ich kann es kaum glauben: Beide Kinder schlafen! Sie sind tatsächlich eingeschlafen. Jakob liegt auf seinem Sitz, Anton wieder in meinem Arm. In Deutschland muss es inzwischen drei oder vier Uhr morgens sein. Ich bin nach einer dreistündigen Nacht schon mehr als 24 Stunden wach, als ich endlich die Augen schließen kann. Wenn auch nur kurz.

Als wir anderthalb oder zwei Stunden später in San Diego ankommen, dauert es etwas, bis meine Sitznachbarin und die Stewardess mich wach bekommen. Ich trage den schlafenden Jakob und meine Taschen, meine Sitznachbarin trägt Anton. Bereits am Gate kommt mir meine Schwiegermutter entgegen und übernimmt ihr Enkelkind von der Amerikanerin. Ich bedanke mich überschwänglich bei der Dame für die Unterstützung und begrüße meine Schwiegereltern. Wir holen das Gepäck. Ausnahmsweise sind alle Koffer dabei. „Wieso hast du eigentlich keinen Buggy dabei?“

Epilog

Meine Kinder und ich © Maja Christ, Foto: Bernardo Pohlenz
© Maja Christ, Foto: Bernardo Pohlenz

Ich habe ein paar wunderschöne Wochen bei meinen Schwiegereltern. Und kann mich so richtig erholen. Mein Mann kommt zehn Tage später dazu und wir können die restliche Zeit bis zu seiner Konferenz gemeinsam genießen. Vor dem Rückflug graut es mir zunächst etwas. Aber ich sage mir: „Schlimmer kann es ja nicht kommen.“ Und tatsächlich habe ich Glück: Der Flug geht über Nacht und die Kinder schlafen sogar die meiste Zeit. Auch den Flugzeugwechsel in Dallas überstehen wir gut. In Frankfurt holen mich meine Eltern ab. Sie sind extra gekommen, damit ich nach der langen Reise nicht mit den zwei kleinen Kindern den Zug nach Hause nehmen muss.

Mein Buggy bleibt zunächst verschollen. Ich telefoniere mit den Fluggesellschaften, gebe Vermisstenanzeigen auf. Irgendwann schreibe ich eine E-Mail mit der Quittung und dem Preis, den ich von der Fluggesellschaft für den verlorenen Buggy bekommen möchte. Zwei Tage später erhalte ich eine Nachricht aus Amsterdam: „Hier steht schon seit zwei Monaten ein Kinderwagen mit Ihrem Namen. Wollen Sie den nicht wiederhaben?“

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2 Kommentare zu „Fliegen mit Kleinkindern

  1. Beim Lesen dieses Berichtes mußte ich am Anfang lachen, dann eher weinen, weil ich mit dieser Mutter fühlte. Ich war gefangen. Man erlebt die Geschichte selbst, so naturgetreu ist sie geschrieben.

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